Zur Einstimmung auf das Symposium "Angst vor dem Leben? Wie Kinder und Jugendliche Mut, Sicherheit und Vertrauen entwickeln können", das am 08. Mai 2026 in Linz stattfindet, hören Sie in den nächsten Tagen Gespräche mit Persönlichkeiten, die sich rund um das Thema verdient gemacht haben.
Ingrid Jagiello hat einen Abschluss in Pädagogik, in Psychologie und sie folgt als Psychotherapeutin der Existenzanalyse. Seit 2019 ist sie Vorstandsvorsitzende des Steirischen Landesverbands für Psychotherapie.
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Redaktion & Moderation: Golli Marboe, Gestaltung & Produktion: Iris Haschek, Schnitt: Caritas Koren, Musik: Michael Pogo Kreiner
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[00:00:02] 365, Über Medien Reden, der Podcast zur Vielfalt der Medienwelt. Zur Einstimmung auf das Symposium Angst vor dem Leben, wie Kinder und Jugendliche Mut, Sicherheit und Vertrauen entwickeln können, das am 8. Mai 226 in Linz stattfindet, hören Sie in den nächsten Tagen Gespräche mit Persönlichkeiten, die sich rund um das Thema Verdienst gemacht haben.
[00:00:26] Heute bei Mental Health Radio und bei 365 Über Medien Reden, Ingrid Jagiello. Sie hat einen Abschluss in Pädagogik, in Psychologie und sie folgt als Psychotherapeutin der Existenzanalyse. Seit 2019 ist sie Vorstandsvorsitzende des Steirischen Landesverband für Psychotherapie. Heute bei 365 und bei Mental Health Radio, Ingrid Jagiello.
[00:00:55] Ingrid Jagiello, zu Beginn gleich eine sehr grundsätzliche Frage. Wie beschreiben Sie denn Angst? Ich möchte da gleich eine Einladung aussprechen und zwar die Angst einmal ganz anders zu sehen. Nämlich nicht als Störung, sondern als Teil unserer Existenz.
[00:01:16] Und ich bin ja Existenzanalytikerin von meiner Fachrichtung her und in der Existenzanalyse, da haben wir ganz eine klare Definition, wie wir das sehen. Und zwar Angst gehört zu den grundlegenden Erfahrungen unseres Menschseins. Sie konfrontiert uns mit der Unsicherheit und mit einem Kontrollverlust. Und letztlich mit den großen Fragen unserer Existenz. Bin ich sicher? Ja, bin ich gehalten?
[00:01:45] Und auch mit der großen Frage, darf ich sein? Und vor allem, bei uns ist es ganz wichtig, darf ich so sein, wie ich bin? Ja. In der existenzanalytischen Perspektive ist Angst kein Störfaktor, den es zu beseitigen gibt, weil die Patienten, die zu mir kommen, sagen immer, ich will mal angstlos werden. Ja. Aber das gilt es ganz anders, sondern die Angst ist als Signal zu sehen. Ja.
[00:02:09] Und dieser Hinweis darauf, dass wir an unsere Grenzen kommen oder dass die Grenze manchmal auch schon überschritten ist. Ja. Und dass uns das Leben manchmal auch etwas zumutet und dass wir damit auch lernen müssen, umzugehen. Und die Frage ist nicht, wie wir die Angst loswerden, sondern wie können wir ihr begegnen?
[00:02:31] Ingrid Jagiello, jetzt gibt es ja dann natürlich einerseits diese Angst, von der Sie, glaube ich, reden, ohne die wir gar nicht auf der Welt wären, weil dann jeder Mensch mit einem Semmelzantiger gekämpft hätte und unsere Vorfahren gar nicht mehr existieren würden. Aber es gibt schon auch Angststörungen. Ist es einfach, ist es möglich, diesen Übergang, diese Unterscheidung zwischen der Angst, die uns allen gut tut und die wichtig ist, zu einer Störung zu definieren?
[00:02:57] Ja, ich danke für diese Frage. Und das ist ganz, ganz wesentlich. Angst zeigt sich ja nicht nur in einer Form. Angst zeigt sich ja in verschiedensten Formen. Und was Sie ansprechen, ist einerseits diese sogenannte, wie wir sagen, Schutzangst und die andere Seite ist diese pathologische Angst. Und vielleicht führe ich einmal ein paar Situationen an, in die wir Menschen kommen können. Oft entwickeln wir eine Zukunftsangst. Was ist auch oft der Auslöser?
[00:03:24] Das ist einfach eine existenzielle Unsicherheit, in die wir ab und an kommen können. Dann Verlustängste. Viele, viele Menschen haben große Verlustängste. Womit hat das in der Tiefe zu tun? Immer mit einer Bindungsangst eigentlich oder mit einer Bindungsstörung. Und diese körperliche Angst, die wirklich sich teilweise sehr unangenehm zeigt, nämlich über Panikattacken und dieses bei Gott nicht etwas, was angenehm für die Patienten ist.
[00:03:51] Und dann diese existenzielle Angst, die wir auch immer wieder erkennen. Angst vor dem Älterwerden, Angst vor dem Tod, Angst vor Ereignissen, wo man das Gefühl hat, ich kann damit nicht umgehen. Und immer wieder auch das Thema der Sinnfrage. Und zu der Frage zurückzukehren, wann wird denn Angst zu einer Belastung oder zur Störung? Belastend wird die Angst, wenn sie ein spürbares Leiden verursacht.
[00:04:21] Eine Schutzangst ist momentan da, wenn ich zum Beispiel durch eine dunkle Gasse gehe, die Schutzangst ist da, ich bin aufmerksamer und so weiter. Ich spüre zwar ein bisschen das Herzklopfen, aber es ist nicht belastend und wenn ich durch die Kellergasse gegangen bin, ist alles wieder vorbei.
[00:04:37] Jedoch von einer Störung sprechen wir dann eher dann, wenn es länger anhält, wenn meine Lebensqualität deutlich beeinträchtigt ist und wenn es mich unverhältnismäßig stark einschränkt. Was meine ich damit? Wenn ich zum Beispiel nicht mehr in die Arbeit gehen kann, weil ich mir nicht zutraue, aus dem Haus zu gehen, dann sprechen wir von einer Störung.
[00:05:02] Die Prüfungsangst, die sehr häufig bei Schülern oder auch bei Studenten genannt wird, das ist eigentlich ein gewisses Maß auch normal. Eigentlich schüttet sich dann das Adrenalin aus, dann bin ich konzentrierter, bin besser bei der Sache und manchmal ist das sogar ein bisschen hilfreich. Ich kann nicht so lasch zu einer Prüfung gehen. Es ist manchmal sogar hilfreich.
[00:05:26] Aber die andere Seite ist, wenn die Angst mich blockiert, wenn ich ein Blackout habe und ich gelernt habe und ich bringe nichts mehr zu Papier, dann sprechen wir schon von einer Störung. Und es gehören auch immer wieder dazu körperliche Reaktionen. Bisschen Durchfall, Bauchweh, keine Ahnung. Also so, dass eben meine Schüler vor allem und auch die Studentinnen beschreiben.
[00:05:53] Ich möchte da gleich einhaken. Wir haben im Rahmen der Mental Health Days auch ein Modul, wo es um Leistungsdruck und Prüfungsangst geht. Und da fragen wir die jungen Erwachsenen, denkt ihr, soll man sich Angst abgewöhnen wollen oder kann man sich Angst abgewöhnen? Natürlich ist die Frage ein bisschen eine Falle, schon aufgrund dessen, was Sie vorhin erläutert haben. Aber trotzdem, die durchschnittlichen Ergebnisse schockieren uns durchaus, weil da 50 Prozent sagen, ja, ich möchte mir Angst abgewöhnen.
[00:06:20] Jetzt haben Sie es gerade beschrieben, das wäre ja fatal, wenn wir keine Angst hätten. Was soll man den jungen Erwachsenen raten? Wie können sie sich vorbereiten, um die Angst als Adrenalinschub, als positiven zu erleben und eben nicht als Blockade im Sinn eines Blackouts? Genau. Also grundsätzlich nein, das wäre auch nicht sinnvoll, denn die Angst gehört ja zu unserem Leben. Aber man kann lernen, mit ihr anders umzugehen.
[00:06:48] Und vielleicht hilft die Unterscheidung noch einmal. Es gibt eine hilfreiche Angst, die uns schützt und eine einengende Angst, die ich vorher beschrieben habe, die sich selbstständigt, wo ich es nicht mehr kontrollieren kann. Was brauchen wir? Wir brauchen einen freieren Umgang mit der Angst. Und wie kann ich das letztlich auch erlernen? Weil die Angst ist, und das müssen wir auch hier an dieser Stelle sagen, die ist ja biologisch ein sinnvolles und psychologisch notwendiges Signal.
[00:07:19] Das hat Folgen, weil wenn ich die Angst verdränge, dann zeigt es sich noch stärker, noch komplexer. Und zum Beispiel im Rückzugsverhalten, in somatischen Beschwerden oder in der Überforderung. Die Angst ist, wenn man sich die abgewöhnt, so als würde man, wir haben alle in den Wohnungen unsere Rauchmelder, und die melden sich und es zipft uns an, dann stellen wir das ab und dann wundern wir uns, warum wir den Brand nicht erkennen.
[00:07:45] Also das ist ein ganz, ganz wichtiges Signal für uns. Vorsicht, Achtung, aber wie können wir in einen Umgang kommen? Das brauchen wir. Wir müssen angstfreie Räume schaffen. Und wie geht das? Es geht nur, und immer wieder werde ich das jetzt im Interview sagen, über verlässliche Beziehungen. Denn Mut entsteht nicht dort, wo keine Angst ist. Das ist eine Fehlannahme.
[00:08:12] Mut entsteht da, wo Angst gehalten wird. Und wenn jemand da ist, dem ich mich mitteilen kann, und wie dieses wunderbare Wort sagt, ich teile es, dann ist es nicht nur bei mir und nicht nur so bedrohend. Und vielleicht ist das genau die Aufgabe von uns Erwachsenen, von allen, die mit Kindern und Jugendlichen und mit Menschen arbeiten,
[00:08:36] dass wir genau das vermitteln, nämlich da sein für den anderen, wenn er in einer Situation ist, um diese Situation mit uns teilen zu können. Und vielleicht das, und ich betone das wirklich auch, ist auch Aufgabe von Schule. Nämlich nicht Druck zu machen, sondern Raum zu schaffen, dass man so sein kann, wie man ist und sich so zeigen kann. Und das angstfrei.
[00:09:08] Sollten Sie sich in einer seelischen oder psychischen Krise befinden und Hilfe suchen, dann können Sie sich an die Telefonseelsorge wenden unter 142, 24 Stunden, sieben Tage in der Woche lang. Oder wenn Sie lieber chatten, dann unter telefonseelsorge.at und dann auf Sofortchat klicken. Oder wenn Sie persönlich Hilfe benötigen und das im persönlichen Gespräch machen möchten, dann gibt es auch noch das Kriseninterventionszentrum, kriseninterventionszentrum.at.
[00:09:40] Also das heißt, die Beziehung zu anderen Menschen, bei denen man sich sicher fühlt, ist noch einmal ein zusätzlich wichtiger Faktor oder der entscheidende Faktor vielmehr noch als Atemübungen oder Achtsamkeitsübungen. Die natürlich auch gescheit sind und die auch gut sind und das soll man auch können. Aber die Wahrheit liegt in der Beziehung. Genau, das ist es so. Vielleicht gehe ich gleich einmal darauf ein, wie zum Beispiel, fangen wir an in der Schule, wenn Sie mögen.
[00:10:09] Wie kann denn Schule darauf reagieren? Die Schule sollte ein Schutzraum für Schüler sein. Und was braucht es dazu? Da braucht es verlässliche Strukturen. Es braucht Beziehung. Es braucht Raum. Es braucht Zeit für emotionale Themen. Und gleichzeitig ist es aber wichtig, und es ist auch mir sehr wichtig, nicht jede Anspannung zu pathologisieren. Nicht alles ist pathologisch. Entwicklung braucht beides von Kindern und Jugendlichen.
[00:10:37] Einerseits die Unterstützung und auch auf der anderen Seite die Erfahrung, dass man gewisse Konflikte auch alleine bewältigen kann. Und die Schule kann Angst nicht verhindern. Das ist auch nicht die Aufgabe von Schule. Aber sie kann entscheiden, ob sie verstärkt oder reduziert. Was meine ich damit? Lernen ist ja nur dann möglich, und das wissen wir,
[00:11:02] aus der Neurobiologie, wenn es Schutzräume gibt und verlässliche Ansprechpartner. Und deshalb, was braucht die Schule? Wir müssen Beziehung mit den Schülern auffahren. Und da haben wir wieder die Beziehung, damit Leistung erbracht werden kann. Und Kinder lernen von Menschen und nicht von Systemen oder von Vorgaben, die das System eben abverlangt. Kinder brauchen emotionale Sicherheit.
[00:11:32] Gefühle dürfen benannt werden. Kinder sollen lernen, ihre Angst abzubauen, ihre Gefühle auch benennen zu dürfen. Und ihre Gefühle dürfen nicht bagatellisiert werden. Ah, das ist ja halb so schlimm, wenn du am Fleck auf die zweite Teil Schularbeit hast. Sondern es muss ernst genommen werden. Und dazu möchte ich wirklich einladen. Ich möchte, dass Schule Muträume schafft, statt Druck macht. Und wie kann das passieren? Kleine bewältigbare Schritte.
[00:12:02] Ein Zugang auf den Schüler. Du musst auffallen. Die Aufgabe war es nicht gestern. Das ist ja wunderbar. Deine Schrift hat sich verändert. Das hast du wunderbar hinbekommen. Und vor allem braucht Schule eine Fehlerfreundlichkeit. Ich darf Fehler machen. Und das ist wichtig, dass ich mich nicht schäme für das, dass mir vielleicht das eine oder andere nicht gelingt. Und Schule sollte auch ein Stück weit Kompetenz im Umfang mit der Angst vermitteln.
[00:12:31] Es gibt ja viele Möglichkeiten, dass man auch mit Schülern genau dieses Thema thematisiert. Oder dass man sich so wie Mental Health in die Schulen holt. Und genau sich diesem Thema gemeinsam zuwendet. Ja. Mal gerne sage ich es einfach immer wieder, Schule wird dann zum Lernort, wenn Kinder und Jugendliche sich nicht nur anpassen, sondern sich auch trauen, sie selbst zu sein, so wie sie sind. Mit ihren Vorzügen,
[00:13:01] mit ihren Dingen, die sie noch weiterentwickeln müssen. Das wäre ja etwas, wo ich glaube, da wäre ein Möglichkeitsraum für Schule, dass das gemeinsam so gestaltet werden kann. Perfektionismus ist das größte Übel, das es in der Psyche gibt. Die Fehler, die zeichnen uns aus und die machen uns menschlich. Genau. Ingrid Jagiello, jetzt gibt es, bevor wir dann weiter über die Kommunikation, über Angst sprechen und verschiedenste Themenfelder da noch im Raum stehen,
[00:13:30] eine Frage an Sie, was mache ich bei einer ganz konkreten Panikattacke einer Schülerin im schulischen Umfeld? Da gibt es so von der Telefonsentsorge einen Begriff, der mir da beigebracht wurde. Das ist die sogenannte gespiegelte Kommunikation. Ich denke auch, das Rote Kreuz bei der Krisenintervention setzt das ein. Wodurch unterscheidet sich dieser Moment einer akuten Krisensituation von einer therapeutischen oder von einer präventiven Diskussion über Angst? Naja, was bedeutet denn eigentlich
[00:14:00] gespiegelte Kommunikation in einer Krisensituation? Ich habe ein Gegenüber. Das Gegenüber ist in einer Krise. Und es geht jetzt nicht darum, zu relativieren, zu sagen, das ist ja nicht so schlimm, sondern es geht genau darum, zum Beispiel bei einer Panikattacke, du hast zu sagen, ich spüre, ich sehe, du hast gerade ganz große Angst. Und ich kann mir vorstellen, dass dein Herz jetzt auch ganz, ganz schnell pflegt
[00:14:30] oder dass deine Finger schweißig werden. Aber du, schau her, ich bin da. Das hilft, Orientierung und Sicherheit zurückzugewinnen. Weil genau um das geht es. In diesem Moment ist Orientierung und Sicherheit der Seh wirklich weg. Und diese Form der Kommunikation ist besonders dann sinnvoll, wenn jemand emotional überflutet ist. und diese gespiegelte Kommunikation bedeutet,
[00:14:59] dass Kinder und Jugendliche das, was sie erleben, genauso benennen und ausdrücken dürfen und sich nicht in eine andere Rolle begeben sollen oder müssen, so zu tun, als ob es sich nicht belasten würde. Wir dürfen als Erwachsene, als Erziehungsberechtigte nicht interpretierend und nicht bewertend sein, sondern so, dass sich das Gegenüber innerlich erkannt und akzeptiert fühlt.
[00:15:29] Und gerade in Krisensituationen ist das zentral, weil die Angst, Überforderung, massiven Stress auslöst und oft die Fähigkeit blockiert, dass man sich selbst wieder reguliert. Und ein Beispiel aus der Schule, was ist nicht hilfreich, wenn ich als Erziehungsbeauftragte sage, wenn ich zum Beispiel sage, wenn ein Schüler Angst vor der Schule hat, ach geh, du brauchst ja vor der Schule nicht festen, das ist doch nicht so schlimm, geh einfach hin,
[00:15:58] es wird schon gut gehen. Aber wie würde das in einer gespiegelten Kommunikation aussehen? Ich sehe, dass du so richtig angespannt bist, wenn du an morgen denkst. Es fühlt sich vielleicht auch so an, als wäre alles zu viel, oder? Was hat das für eine Wirkung? Das Kind fühlt sich verstanden und die Anspannung und das Stressniveau, das sinkt. Und wenn man noch
[00:16:27] lösungsorientiert arbeiten würde, da würde man sagen, vielleicht ist es morgen sogar schon ein bisschen besser. Das ist es auch, wenn ein Kind sich gesehen fühlt und wenn man es nicht verbessert und ausbessert. Heute bei 365 die Vorstandsvorsitzende des STLP, des Steirischen Landesverbandes für Psychotherapie, Ingrid Jagiello. Jetzt haben wir die Hoffnung,
[00:16:57] dass dieses Wissen um den Moment einer Krise auch bei Lehrern und bei Erziehungsberechtigten ankommt. Aber dann irgendwann muss man natürlich auf die Suche gehen, wo kommt die Angst überhaupt her und wie kann ich lernen, der zu begegnen. Warum ist es so relevant, dass diese Gespräche über den Abbau von unangemessener Angst in der Therapie stattfindet und warum sind da gerade Psychotherapeutinnen so gut geeignet,
[00:17:27] mit Klientinnen die Angstthematik anzugehen? Das ist eine gute Frage. Warum sollten wir denn die Ängste in den Therapien ansprechen? Ja, weil die Angst, wie ich eingangs gesagt habe, immer ein Signal ist. Dahinter stehen immer die Fragen nach Sicherheit, nach Geborgenheit, nach Selbstwert, nach Beziehung oder Zukunft. Und die Therapie hilft eben, diese Zusammenhänge zu verstehen und neue,
[00:17:56] und es geht immer um neue Handlungsmöglichkeiten, diese aufzuzeigen, mit den Jugendlichen gemeinsam zu erwirken. Und die Ängste noch einmal zusammengefasst sind zentrale Hinweise auf innere Prozesse. Wenn ich das nicht mache, dann erreiche ich den anderen nicht, weil diese inneren Prozesse ja auch laufen. Dann, wenn das nicht thematisiert wird, dann kann es die Entwicklung blockieren und gleichzeitig, wenn wir es behandeln,
[00:18:26] kann das ein Tor zur Veränderung darstellen und ein Tor zu neuen Möglichkeiten. Also, die Psychotherapie bedeutet aber nicht, die Angst wegzumachen, dass ich wiederhole mich, sondern die Menschen zu stärken, damit sie dieser Angst begegnen können. Wenn wir beginnen, die Angst zu verstehen und lernen, mit ihr umzugehen, verlieren wir nicht die Kontrolle, sondern wir gewinnen sie ganz im Gegenteil zurück. Denn die Angst
[00:18:56] ist ein Schutzsystem und kein Fehler. Und wie passiert das? Das passiert in Beziehung und Sprache. Und da lernt man mit diesen Eindrücken umzugehen, immer nur über die Beziehung und Sprache, weil die Gefühle benennen kann, ist ihnen weniger ausgeliefert. Es geht immer darum, durch die Sprache einen inneren Abstand zu gewinnen. Also, ich habe Angst, aber ich bin nicht nur meine Angst. Und es ist auch wörtlich und ich sage immer, schau her,
[00:19:26] wenn du etwas angreifst, dann hast du es. Du hast es in der Hand, dann kannst du damit gestalten. Du kannst es wie einen Ball wegwerfen, du kannst, ich weiß nicht was, wuzeln, du kannst damit, was immer du möchtest, machen. Ich habe Angst, aber ich bin nicht meine Angst, ist die Kernaussage. Und das ist ein wesentlicher Teil der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und allen Patientinnen. Wie gut gelingt denn das mit Menschen,
[00:19:56] die eben noch keine Worte finden für ihre Emotionen und Gefühle? Wie sehen Sie da die Möglichkeiten der Kunsttherapie, der nonverbalen Kommunikation, der spielerischen, der dramatischen Disziplinen, die es da in eurem Umfeld gibt? Kunst, Literatur, Musik haben therapeutische Wirkung. Enorm wichtig, vor allem bei Patientinnen mit Angsterkrankungen. Gesang. Es gibt ja auch Empfehlungen, dass ich sage,
[00:20:25] wann haben Sie das letzte Mal gesungen oder haben Sie schon einmal überlegt, in einen Chor mitzuwirken? Haben Sie schon einmal einen Malkurs gemacht? Das hat hohe therapeutische Wirkung und auch die Literatur ganz, ganz wichtig. Ich gebe auch oft Literaturempfehlungen, die Menschen unterstützen können. Ich arbeite viel in der Therapie mit Metaphern, die wir dann gemeinsam weiterentwickeln, neu schreiben.
[00:20:56] Das kommt bei Angstpatienten sehr, sehr gut an. Mit Kindern und Jugendlichen gibt es viele Möglichkeiten, der Angst die Stirn zu bieten, indem man zum Beispiel einmal ein Körperbild macht. Auf einem Packpapier mache ich das. Das Kind legt sich hin, zeichnet die Konturen, das Kind zeichnet auf, wo die Angst überall spürbar ist und was helfen würde, mit dieser Angst umzugehen. Welches andere Gefühl könnte denn da hilfreich sein? Oder
[00:21:25] wir machen ein Zottelmonster und wir verändern dieses Zottelangstmonster, indem wir sagen, was würde denn dieses Monster ärgern? Aha, zum Beispiel Eselsohren oder ein Schweineschwänzchen. Das heißt, ich kann gestalten, ich kann mit meiner Angst umgehen oder ich mache eine Stufenleiter, wir machen tatsächlich eine Leiter aus Papier, so leparell, wir falten das und wir fangen an, ganz unten, ganz basal, was wäre denn im Ersten möglich,
[00:21:55] welche Angst möchtest du dich zuwenden und wie können wir sie im ersten Schritt verändern? Da gibt es so viele Möglichkeiten, mit dieser Angst in einen Umgang zu kommen oder einen Rollentausch. Wenn die Angst der wilder Stier ist, dann bin ich diejenige, die Angst an den Hörnern wagt und was passiert dann? Also da gibt es so viele kreative Möglichkeiten und Kinder und Jugendliche sind ja irrsinnig kreativ, wenn sie sich ausdenken und wenn wir gemeinsam erarbeiten,
[00:22:25] wie wir mit dieser Angst umgehen können. Dann rückt sie von uns weg, dann bin ich im Umgang und um das geht es und wenn Erwachsene das begleiten, kommt auch keine Angst auf, sich dem zuzuwenden. 365 über Medienreden Auf vsom.tv oder auf allen gängigen Podcast-Plattformen finden sich sämtliche Gespräche aus dieser Reihe. Vielleicht interessant, Gespräche mit anderen Vertreterinnen aus dem ÖBVP, beispielsweise
[00:22:54] die Folge 954 mit Peter Stippel oder die Folge 956 mit Hertha Wimberger oder die Folge 960 mit Karin Fiedler. Dann komme ich zu einem nächsten Themenfeld, das nicht minder viel diskutiert wird. Das ist die Unterstützung und der Umgang mit Medikamenten. Natürlich nicht verschrieben von der Psychotherapeutin, sondern von einer Neurologin oder einem Psychiater, einer Psychiaterin, aber natürlich in Absprache mit euch.
[00:23:22] Wie kann man denn da den Umgang damit irgendwie einordnen oder wie kann man auch Angehörige unterstützen bei der Thematisierung von der Empfehlung von begleitenden Medikamenten? Also es ist eine alte Forderung des Berufsverbandes für, ich glaube, auch der klinischen Psychologinnen und der Psychotherapeutinnen natürlich keine Verschreibung von Medikamenten ohne Psychotherapie oder klinisch-psychologische Behandlung in Begleitung.
[00:23:51] Denn warum fordern wir das? Medikamente, Psychopharmaka, die behandeln das Symptom, aber nicht die Ursache. Das heißt, wenn ich nur diese reine Symptombehandlung mache, ist es zwar für viele Patienten zuerst einmal eine Erleichterung, aber es behandelt nicht die Ursache. Das heißt, die Patienten können im schlimmsten Fall auch in eine Medikamentenabhängigkeit kommen, ohne dass jemals diese Ursache eben behandelt wurde.
[00:24:21] Also eine dringende Empfehlung wäre es ja, da eine gute Kooperation zwischen Ärzten und Psychotherapeutinnen eben in die Wege zu leiten, die teilweise sehr, sehr gut bereits funktioniert. Auch mit den Hausärzten. Da hat sich in den letzten Jahren sehr, sehr viel verändert, indem da ein anderes Bewusstsein eben vorhanden ist. Um die Patientinnen, und es geht jedem um die Patientinnen, bestmöglich unterstützen zu können.
[00:24:50] Aber psychische Krankheiten verändern auch den Körper. Und deshalb kann es notwendig sein, dass man Medikamente braucht, auch die beste Therapeutin braucht manchmal die Unterstützung von Medikamenten. Ganz richtig, was Sie sagen. Es ist manchmal unumgänglich, eine Kombinationstherapie anzustreben, damit die Menschen eine Erleichterung erfahren von ihren Symptomen, damit sie zum Beispiel wieder am Lebensalltag teilnehmen können. Aber es braucht immer auch die begleitende Psychotherapie,
[00:25:19] um den Patienten bestmöglich eben zu begleiten. Ja, und sie sollen immer, Medikamente sollen immer in ein Gesamtkonzept eingebettet sein. Und das wäre die Vorgangsweise, die anzustreben ist. Apropos Gesamtkonzept, der Mensch hat ja viele verschiedene Aspekte, die seinen Alltag prägen und da gehört auch die wirtschaftliche Sicherheit dazu. Jetzt ist das ein Thema, das wir alle kennen,
[00:25:49] auch aus der sogenannten üblichen, regulären, physischen Medizin, Armut macht krank. Das gilt ja für psychische Themen vielleicht sogar erst recht. Und trifft sich jetzt auch noch mit einem zweiten Phänomen, das ich auch gleich noch reinwerfen möchte, nämlich, dass ja Psychotherapeutinnen und Psychotherapieausbildung nach wie vor ein ganz schöner Kraftakt ist, auch ein wirtschaftlicher. Und wie gehen wir mit diesen zwei Phänomenen um, dass wir auf der einen Seite dann ja unter den Menschen, die vielleicht sozioökonomisch
[00:26:18] nicht so gut ausgestattet sind, potenziell noch mehr, zu besprechen haben. Und andererseits haben wir Psychotherapeutinnen, die alle aus, sagen wir, besser bemittelten Strukturen kommen, mehrheitlich zumindest. Ist das ein zusätzliches Problem? Ist das eine Herausforderung? Ich denke, wenn man sich die Zahlen der Gesundheit Österreich genau betrachtet, da werden wir sehen, dass aktuell nur 1,1 Prozent der österreichischen Bevölkerung
[00:26:48] Psychotherapie auf Krankenschein erhält. Weitere 1,1 Prozent erhalten Psychotherapie mit Refundierung und es gibt 24 Prozent der Bevölkerung, die psychotherapeutisch überhaupt noch nicht versorgt sind. Das schlägt sich nieder, indem wir zum Beispiel, wenn wir im Bereich Schule schauen, Schulabbrüche haben, bei Lehrlingen vielfach Abbrüche von ihren Ausbildungen, bei Studentinnen Abbrüche
[00:27:17] ihrer Studienlehrgänge. Und ich denke mir, dadurch entsteht ein riesiger volkswirtschaftlicher Schaden. Ich glaube, wir sind alle aufgefordert, trotz der schlechten Wirtschaftslage, genau diese Zahlen heranzunehmen. Und es wird nicht besser, wenn wir hier nicht investieren. Wir sollen ja immer, jeder investierte Euro kommen 2,5 Euro zurück. Und allein, wenn man das volkswirtschaftlich betrachtet, sind wir aufgefordert, gemeinsam neue Lösungen
[00:27:46] für eine Vollversorgung der österreichischen Bevölkerung anzudenken. Und diese tunlichstbald umzusetzen. Ich kann sagen, als Berufsverband bemühen wir uns gerade darum, dafür ein Bewusstsein zu schaffen. Und wir hoffen, dass es uns gelingt, für eine bessere Versorgung unserer Patientinnen in Österreich etwas erwirken zu können. Ich hacke jetzt trotzdem noch einmal nach. Es gibt zwar jetzt das Masterstudium, erfreulicherweise,
[00:28:15] und das ist ein wichtiger Schritt, aber trotzdem, ist Psychotherapeutin sein etwas Elitäres? Wenn man in den Praxisalltag hineinschaut, kann ich Ihnen sagen, ich erkenne nichts Elitäres. Ich übe meinen Beruf seit 27 Jahren aus. Das ist wirklich Arbeit, Arbeit am Patienten und hat mit Elitär nichts zu tun. Es ist die Bereitschaft, eine Dienstleistung an Patienten zu erbringen, mit all den Herausforderungen,
[00:28:45] denen wir uns zu stellen haben. Ich sehe nichts Elitäres. Elitär ist leider, so in meinem Fall, wie das war, der Zugang dazu, denn es war mit hohen Kosten verbunden. Das ist das einzig Elitäre, was ich erlebt habe. Aber seit ich arbeite, ist es nicht, sondern das ist ein gemeinsamer Weg, eine gemeinsame Arbeit mit den Patienten. Und das ist herausfordernd. Jetzt komme ich zum Schluss noch zu einer Bitte an Sie.
[00:29:14] Wir schließen unsere Podcasts in letzter Zeit gerne mit der Einladung, eine Frage zu stellen, mit der sich die Gesellschaft in Zukunft beschäftigen sollte. Also keine Forderung oder auch keine Antwort, wie es besser ginge, sondern was meint die Ingrid Jagiello, sollte in unserer Gesellschaft Thema werden, wo Sie selbst noch nicht wissen, wie die Antwort ausschaut, sondern wo wir uns miteinander auf einen Weg begeben. Sie sprechen das ganz
[00:29:44] schon von vornherein an. Es kann nur einen Weg miteinander geben. Und zwar mit allen. Und wenn wir zum Beispiel nur das Thema Angst hernehmen, dass wir erkennen, dass wir keine Gegner sind und dass die Angst kein Gegner ist, sondern ein Wegweiser. Und einen Weg kann man nur gemeinsam gehen. So zeigt uns auch die Angst etwas auf, nämlich womit wir noch nicht ganz in Beziehung sind.
[00:30:13] Und vielleicht braucht es auf dieser politischen, menschlichen Ebene auch genau das, dass wir uns in Beziehung begeben, um gemeinsam etwas verändern zu können. Und nämlich auch in uns selbst. Wir müssen ja auch teilweise Haltungen revidieren. Das ist nicht immer nur bei den anderen zu sehen. Und wenn das gelingt, mit uns selbst in Beziehung zu sein und dadurch mit anderen in Beziehung zu sein, können wir den Mut finden,
[00:30:42] nicht vor der Angst, vor den Herausforderungen, vor den Aufgaben, gesellschaftlichen und politischen Aufgaben zu fliehen, sondern einmal zuzuhören. Und dann kann aus etwas, was blockiert ist, was Angst macht, was Stress macht, etwas wachsen. Und zwar Tiefe und Verbundenheit und eine neue Form von Freiheit, die wir vielleicht und hoffentlich gemeinsam
[00:31:12] erleben können. Ingrid Jagiello, vielen Dank für die Zeit, vielen Dank für die Expertise und toi toi toi. Danke, danke, dass ich da sein durfte und mit Ihnen sprechen durfte. Danke. 365, ein Angebot von VSOM, dem Verein zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien, hergestellt von Inspiris Medienproduktion. Falls Sie die Arbeit von VSOM und diesen Podcast unterstützen möchten, dann abonnieren Sie 365
[00:31:42] auf allen Podcast-Plattformen wie Spotify, Castbox, iTunes oder Soundcloud und überall, wo es Podcasts sonst gibt. Der Verein zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien finanziert seine Aktivitäten durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Falls Ihnen Medienbildung und Demokratie auch ein Anliegen sind, dann freuen wir uns, wenn Sie uns mit einer Spende unterstützen möchten. Dazu finden Sie Informationen auf der Webseite www.vsum.tv In diesem Sinne,
[00:32:11] bis morgen.
