Zur Einstimmung auf das Symposium "Angst vor dem Leben? Wie Kinder und Jugendliche Mut, Sicherheit und Vertrauen entwickeln können", das am 08. Mai 2026 in Linz stattfindet, hören Sie in den nächsten Tagen Gespräche mit Persönlichkeiten, die sich rund um das Thema verdient gemacht haben.
Herta Wimberger-Spörker ist eine österreichische Psychotherapeutin, Mediatorin und Wirtschaftspädagogin.
Sie ist außerdem die stellvertretende Vorsitzende des Oberösterreichischen Landesverbands für Psychotherapie.
Teilnahme am Symposium | Programm des Symposiums | Kontaktdaten zu Hilfseinrichtungen | Oberösterreichische Nachrichten: Im Gespräch mit Herta Wimberger-Spörker
für weitere Infos folgen Sie uns auf vsum.tv oder:
@vsum.tv auf Instagram, TikTok oder Facebook
@vsum_tv auf Twitter
365 ist unabhängig und wird durch Unterstützer:innen möglich gemacht.
Unter vsum.tv/spenden oder PayPal können Sie mithelfen, unsere Gespräche zu Medien, Bildung und Demokratie möglich zu machen.
Ein Podcast von VsUM, Produktion: Inspiris Film
Redaktion & Moderation: Golli Marboe, Gestaltung & Produktion: Iris Haschek, Schnitt: Caritas Koren, Musik: Michael Pogo Kreiner
Abonnieren Sie 365 überall, wo es Podcasts gibt wie Spotify, Google Podcasts, Apple Podcasts,...
In diesem Sinne; bis Morgen.
[00:00:09] Zur Einstimmung auf das Symposium Angst vor dem Leben, wie Kinder und Jugendliche Mut, Sicherheit und Vertrauen entwickeln können, das am 8. Mai 2026 in Linz stattfindet, hören Sie in den nächsten Tagen Gespräche mit Persönlichkeiten, die sich rund um das Thema verdient gemacht haben.
[00:00:26] Herta Wimberger-Spörker ist eine österreichische Psychotherapeutin, Mediatorin und Wirtschaftspädagogin. Sie ist außerdem die stellvertretende Vorsitzende des Oberösterreichischen Landesverbandes für Psychotherapie. Heute bei 365 und bei Mental Health Radio, Herta Wimberger-Spörker.
[00:00:48] Herta Wimberger-Spörker, bitte zu Beginn nützen wir Ihre Fachexpertise. Was bedeutet für Sie Angst? Angst bedeutet für mich, dass mein Blickwinkel eingeschränkt wird, dass meine Körperfunktionen sich autonom so verändern, dass ich mich nicht mehr frei bewegen kann. Es bedeutet, dass ich nicht mehr den vollen Zugang zu meinen psychischen und körperlichen Fähigkeiten habe, je nachdem wie stark die Angst ist.
[00:01:17] Aber es gibt auch eine Angst, die lähmt, wo man sich nicht mehr gut bewegen kann bis hin, dass man nicht mehr denken kann. Jetzt gibt es ja die sogenannte gesunde Angst, den Respekt vor einer Schlucht oder vor einem wilden Tier. Oder Schularbeit. Oder vor Schularbeiten. Wo beschreibt die Psychotherapeutin die Grenze oder kann man die beschreiben zwischen einer sogenannten gesunden Angst, damit ich konzentrierter werde, damit mehr Adrenalin kommt und einer Störung?
[00:01:43] Das ist eigentlich sehr gut beschreibbar. Also eine Angst, die eine positive Angst ist, ist eine Angst, die mich wirklich vor Gefahren schützt. Um bei der Schularbeit so bleiben. Wenn ich eine gesunde Angst davor habe, einen Fünfer zu kriegen, werde ich mich hinsetzen und werde lernen. Und dann werde ich sagen, Gott sei Dank habe ich gelernt. Was wäre das Gegenteil? Ich habe keine Angst. Denkt man, ich kann eh alles und habe einen Fünfer. Also das heißt, das Leben zeigt sehr deutlich, welche Ängste real sind und welche nicht real sind.
[00:02:12] Ängste, die diffus entstehen und keinen Sitz im Leben haben, nicht in der Realität sich widerspiegeln. Das sind dann Ängste, die sehr einschränkend für Menschen sind und die sich auch, wenn man nicht damit lernt umzugehen oder schaut, dass man diese Einschränkung auch wieder ein Stückchen aufheben kann, kann das also wirklich bis zu sehr lebenseinschränkenden, massiven Lebenssituationen für Menschen führen.
[00:02:39] Also zum Beispiel, dass man sich dann wirklich nicht mehr auf die Straße traut oder nicht mehr in die Schule geht, Prüfungen nicht ablegt, den Führerschein sich nicht machen traut. Das sind dann wirklich Situationen, wo das Leben objektiv eingeschränkt wird. Bevor wir zu diesen diffusen Ängsten noch einmal kommen, eine Nachfrage zu dieser Prüfungsangst und zu der Situation von Schülerinnen und Schülern. Wir sind mit den Mental Health Days ja in ganz Österreich unterwegs und da fragen wir die Kinder und die jungen Erwachsenen auch immer,
[00:03:07] soll ich perfekt sein wollen und kann ich mir Angst abgewöhnen und ein Leben ohne Angst führen? Und da sagen 50 Prozent der Kinder, ja, man kann sich Angst abgewöhnen. Stimmt denn das? Spezifische Ängste, ja. Die Angst grundsätzlich nein. Denn Angst ist ein Lebensbestandteil und wie man es immer wieder in Büchern liest, man muss Angst haben und die schützt uns dafür, dass uns der Säbeltiger auffrisst. Und insofern ist Angst ein Grundgefühl, das also bei jedem Menschen da ist.
[00:03:37] Und wir wissen ja immer mehr, dass Gefühle eben epigenetisch auch übertragen werden, wenn wir uns jetzt nur die Geschichte jetzt in Österreich anschauen. Wie sollte es denn möglich sein, dass wenn es die Epigenetik wirklich gibt und es gibt sie, dass ein Kind zur Welt kommen kann ohne Ängste? Ist gar nicht möglich. Das heißt, die kommen schon mit. Aber wie dann mit diesen Ängsten umgegangen wird, wie die sich dann auswirken, das ist dann ganz individuell und hat sehr viel zu tun mit den Eltern.
[00:04:06] Also auch Schulangst und die Ängste vor Kindern kann man ja nicht ohne die Eltern betrachten, denn das ist ein sehr eng verschlungenes Konstrukt. Das kann man nicht trennen. Man kann Eltern und Kindern in emotionaler Hinsicht nicht trennen. Wenn es sich dann trennt, dann wird es eher heftig auf beiden Seiten und sind wir in der Pubertät. Und das ist ja dann eine Zeit, wo dann nochmal ganz massive Ängste dazukommen.
[00:04:33] So könnte man versagen, als wäre die Angst auch so ein unangenehmes Lebenselixier. Also etwas, was uns ja eigentlich nicht schmeckt, aber was unabdingbar ist dafür, dass wir Individuen werden, dass wir unsere Grenzen kennenlernen, dass wir eben lernen, unser Leben zu leben und vor allem die Grenzen kennenzulernen. Und indem ich meine Grenzen kennenlerne, habe ich natürlich auch den Raum der Freiheit für mich definiert.
[00:05:00] Und das ist ja das Wichtigste im Leben, dass mein Raum der Freiheit für mich definiert wird, für mich erlebbar wird, spürbar wird. Jetzt haben Sie die Pubertät schon erwähnt und das fällt uns natürlich gerade auch in den Schulen immer auf, dass die Kinder diesen Abnabelungsprozess als etwas sehr herausforderndes empfinden. Natürlich macht es einem Angst, habe ich die richtigen Freundinnen, habe ich die richtigen Berufsentscheidungen getroffen mit meiner Ausbildung, kann ich mir später überhaupt noch eine Wohnung leisten und dann sind wir bei diesen diffusen Ängsten.
[00:05:29] Führt die Pubertät zu den diffusen Ängsten oder sind es andere Umstände? Also ich habe ja zwei Erfahrungen. Ich war ja Professorin in einer berufsbildenden höheren Schule und habe über Jahrzehnte Jugendliche von 14 bis 19 begleitet und als Psychotherapeutin und spezialisiert auf Kinder und Jugendliche dann nochmal von der anderen Seite. Die Angst, die ich am meisten erlebt habe, war die, nicht dazuzugehören.
[00:05:57] Also eine Zukunftsangst und alle, das ist ja dann schon fast die Luxuskategorie. Das, was wirklich das Tägliche ist, das, womit die in der Früh aufstehen und am Abend schlafen gehen, ist, gehöre ich dazu? Darf ich dazugehören und wie viel darf ich jetzt ich sein, ohne dass meine Freundinnen mich ausschließen? Sehr beliebt sind ja diese Dreieckskonstellationen, also wo immer drei Freundinnen zusammen sind und dann in wechselseitigen Paarungen dann die andere ausschließen und dann wieder.
[00:06:25] Und das ist wirklich etwas, was eigentlich für Lehrer und Lehrerinnen nicht sichtbar wird. Das wird nicht kommuniziert, aber in der Therapie habe ich das schon erlebt und ich war ja auch drei Jahre als Schulpsychotherapeutin in Linz und da ist es auch ganz deutlich gewesen, wenn ich in den Bus einsteige, dann kriege ich schon Angst, sitzt sie sich zu mir oder sitzt sie sich zu anderen? Und diese Selbstwertkrisen, die durch so schlichte Dinge ausgelöst werden und da sind wir weit weg von Mobbing oder von anderen Dingen.
[00:06:55] Einfach das, wer bin ich und wie bin ich in Beziehung zu anderen und mögen mich andere? Und das ist wirklich ein ganz, ganz tiefes Erleben von Jugendlichen und wird eigentlich von den Erwachsenen sehr häufig nicht so wirklich ernst genommen, weil die sagen, ja, ja, das kennen wir schon, oder es gehört dazu, diese Streitereien unter Freundinnen. Dass hier aber wirklich ganz tiefe Grundsätze gelegt werden für das spätere Leben, ob ich jemand bin, der von sich das Gefühl hat, ja, ich bin okay, ich gehöre dazu, fraglos,
[00:07:24] weil ich bin, wie ich bin oder ob ich mich frage, ja, gehöre ich überhaupt dazu? Wie meinen denn die das? Sind die jetzt ehrlich oder tun die einfach nur so? Sind die jetzt nur freundlich? Sagen die, das ist gut, was ich gemacht habe, einfach, weil sie dann hinter meinem Rücken über mich lachen wollen. Und diese tiefen Verunsicherungen sind dann oft so diese erste Grundlage von dem, was wir dann wahrscheinlich später noch besprechen werden, generalisierte Angststörungen, wirkliche Einschränkungen, wo wir dann wirklich beim ICD sind, beim Diagnoseschema
[00:07:54] und wo es dann von dem übergeht. Wir alle müssen damit umgehen zu einer wirklichen manifesten Krankheit. Sollten Sie sich in einer seelischen oder psychischen Krise befinden und Hilfe suchen, dann können Sie sich an die Telefonseelsorge wenden unter 142, 24 Stunden, sieben Tage in der Woche lang. Oder wenn Sie lieber chatten, dann unter telefonseelsorge.at und dann auf Sofortchat klicken.
[00:08:23] Oder wenn Sie persönlich Hilfe benötigen und das im persönlichen Gespräch machen möchten, dann gibt es auch noch das Kriseninterventionszentrum, kriseninterventionszentrum.at. Sie beschreiben Beziehungen und Sie reden von den Beziehungen, die die Kinder untereinander, die jungen Erwachsenen haben. Aber da stellt sich eben gleich die Frage, wie können Pädagoginnen und Erziehungsberechtigte darauf reagieren? Und da begegnet uns immer so ein Begriff, der vermeintlich einfach scheint, aber sichtlich auch gelernt werden muss.
[00:08:53] Das ist das Zuhören. Ja. Das Zuhören und das Zuhören in einer Art und Weise, dass das Gegenüber auch das Gefühl hat. Ich werde gehört und mir wird zugehört. Und warum bei Jugendlichen häufig dann das Gefühl entsteht, auch wenn Erwachsene sie sehr wohl verstehen und ihnen auch zuhören, ist, dass zu wenig gespiegelt wird, also dass zu wenig bestätigt wird. Ja, ich höre dich. Ich weiß, wie du dich jetzt fühlst.
[00:09:22] Wir Erwachsenen sind in einem ganz anderen Modus wie Kinder und Jugendliche. Wir sind lösungsorientiert. Wir sind im Sparmodus. Energie muss gut eingesetzt werden. Aha, da ist ein Thema. Da ist die Lösung. Nur, sehr häufig wollen Kinder ja keine Lösung haben. Sie wollen, dass sie gesehen werden, dass sie wahrgenommen werden. Und dann sind wir wieder bei diesem ganz grundlegenden Thema der Beziehung. Werde ich so, wie ich bin, wahrgenommen?
[00:09:49] Wenn Kinder das Gefühl haben, meine Eltern wollen ja nur schneller Lösung für mich, damit ich wieder eine Ruhe gebe, was meistens ja gar nicht so ist, aber das Kind erlebt es so. Und dann beginnt ein Prozess, dass Kinder sich nicht als liebenswert, nicht wichtig erachten. Das ist sogar, also wenn sie dann schon so zwölf, dreizehn sind, in die Rationalisierung gehen und sagen, ja, Mama und Papa haben ja viel zu tun. Da will ich sie jetzt nicht nur zusätzlich stören.
[00:10:15] Sie reden dann oft nicht einmal mit Freundinnen drüber, aber vielleicht schon auch und haben so das Gefühl, ja, ich bin nicht wichtig. Und mit dem Gefühl, ich bin nicht wichtig, sind natürlich vielen psychischen Beschwerden Tür und Tor geöffnet. Und vor allem auch die Resilienz gegen Angst wird dadurch eingeschränkt, dass ich ja in meinem inneren Raum mich nicht stark fühle, nicht wahrgenommen fühle.
[00:10:41] Und wenn jetzt meine Umwelt mich nicht wichtig nimmt, wie soll denn ich mich dann wichtig nehmen? Also dieses Selbstwertgefühl ist ja so eine wichtige Ressource für Kinder und Jugendliche und sie wird aber meistens durch falsche Dinge definiert, so im landläufigen Sinn. Also wir hatten also einen Schwerpunkt, wo wir auch Kommunikation unterrichtet haben, den ich dann unterrichtet habe.
[00:11:07] Und wenn ich dann zu meinen Schülerinnen gesagt habe, und was ist denn, wie definiert ihr Selbstwert? Da haben sie gesagt, na, ich lasse mir mal nichts gefallen. Und die werden das schon sehen. Und ich bin, also so, dann kommt so dieses Aufplustern, so diese äußere Stärke. Und wenn ich dann gesagt habe, und was ist jetzt, wenn ihr dann aber möglicherweise einmal verliert, wenn andere Menschen euch verhöhnen oder wenn ihr nicht ernst genommen werdet, jetzt, was macht ihr denn da? Und dann mit ihnen zu arbeiten.
[00:11:37] Und das ist dann das Selbstwertgefühl. Das kann mir keiner nehmen. Und wenn ich verhöhnt werde auf Social Media, meinen Wert bestimme ich und ich lasse mir das von euch nicht nehmen. Also so dieses meinen inneren Raum ganz intensiv besetzen. Und das fängt damit an, dass die Eltern mir auch zeigen, ich habe dich gehört und nicht, ich schaue jetzt schnell, dass ich eine Lösung habe, damit ich wieder meine Ruhe habe. Wobei ich Eltern schon auch verstehe.
[00:12:05] Bleiben wir noch einmal kurz bei diesem ersten Gedanken, den Sie hier auch angeboten haben, die gespiegelte Kommunikation. Das wird ja auch in der Krisenintervention eingesetzt. Wenn jemand eine Panikattacke hat oder einen Suizidversuch, da spiegle ich nur das, was ich am anderen wahrnehmen kann. Und das ist das Prinzip. Könnten Sie es kurz beschreiben? Ja, also wichtig ist, dass ich in einer empathischen Art und Weise mich hineinversetze und die Gefühle, die ich vermute, dem anderen auch mitteile.
[00:12:34] Du fühlst dich jetzt vollkommen allein. Du hast den Eindruck, es ist nur mehr schwarz rundherum. Das zu fühlen ist wirklich schlimm. Hier, also das ist ganz, ganz schwer auszuhalten. Aber ich bin da. Also versuchen, diese Emotionen zu benennen. Denn in dem Moment, wo ich etwas benenne, beginnt das, was dann im Späteren ja auch wichtig ist. Weil eine Panikattacke ist einfach mal nur Emotion. Emotion, Emotion, Emotion.
[00:13:03] Der Seppelticker ist hinter mir her. Ich laufe, laufe, laufe, laufe. Und die Menschen in Panikattacken sagen ja immer wieder dasselbe. Das heißt, hier gebe ich den äußeren Raum durch meine Worte, damit der innere Raum bei meinem Gegenüber wieder entstehen kann. Und ich merke dann, wenn dann die Atmung langsamer wird, wenn die Beruhigung eintritt. Ich werde den Menschen oder die Schülerin oder den Menschen ja immer auch berühren. Ich werde schauen, dass er mit mir Augenkontakt hat.
[00:13:32] Und ich werde eben sagen, nimm deinen Daumen und drück ihn ganz fest in deine Hand. Inneres. Das heißt, der Mensch beginnt sich wieder zu spüren. Und in diesem Prozess des sich Wiederspürens geht das Stresspegel zurück, geht das Adrenalin zurück. Und schon langsam können wieder die Gehirnfunktionen entstehen. Denn wenn man so wirklich in einer äußersten Panikattacke ist, man kann nicht mehr denken. Das kann man sich fast nicht vorstellen, aber es ist so. Die Denkfunktion ist wirklich ausgeschaltet.
[00:14:02] Das heißt, wenn ich jetzt meinem Gegenüber dazu helfe, dass die Emotionen runterfahren, dass der Körper sich wieder zum Regulieren anfängt, dass die Denkfunktionen anfangen, dann habe ich es geschafft, hier ein Framing zu schaffen. Und der Mensch mir gegenüber fühlt sich verstanden. Der fühlt sich akzeptiert. Und wichtig ist, dass ich nicht versuche, ihm nur irgendwas wegzunehmen. Und hier muss man schon sagen, da ist unsere moderne, was ich immer wieder bei Eltern erlebe, und das ist auch so die Schwierigkeit in der Therapie mit Kindern,
[00:14:32] dass Eltern in der guten Meinung den Kindern ein möglichst schönes Leben zu ermöglichen, immer schauen, dass das Kind möglichst nicht traurig ist, dass es nicht ängstlich ist, dass es nicht zornig ist. Also man versucht, das alles ganz smooth zu machen. Und die bemühten Eltern denken, das ist jetzt gut fürs Kind. In Wirklichkeit erlebt das Kind sich aber als nicht akzeptiert. Also auch in seinem Ich als, ja, ich darf nicht sein. Und das ist ja eigentlich das, was genau das Gegenteil von dem ist, was Eltern wollen.
[00:15:02] Dahinter steckt natürlich, dass die Eltern ihre eigenen Ängste haben, die sie oft noch nicht genügend bearbeitet oder noch nicht genügend reflektiert haben. Und deshalb eigentlich sich selbst beruhigen, indem sie dafür sorgen, dass das Kind nicht mehr ängstlich wird, damit sie selber mit ihren Ängsten nicht konfrontiert sind. Und da Eltern zu begleiten und denen irgendwie das schmackhaft zu machen oder zu erklären, dass das eigentlich nicht gut ist, ist oft fast nicht möglich.
[00:15:26] Im Schulalltag, ich meine, der Elternsprechtag ist, glaube ich, so ziemlich der Höhepunkt an Stress für Lehrer, weil es so schwierig ist, Beliefs von Eltern zu relativieren, die dann da sitzen mit, weil die Eltern haben ja die Zukunftsangst und die Zukunftssorgen. Und die werden dann hineinprojiziert in die Kinder und Jugendlichen. Die müssen sich dagegen wehren. Aber selbst wenn sie sich wehren, es nützt nichts. Ich meine, die Besorgnisse von Vater und Mutter und aus dir könnte ja mal nichts werden.
[00:15:54] Also das ist ja, wenn man sich das einmal so wirklich anschaut, ist es ja eigentlich fast Grausamkeit. Warum kann man überhaupt auf die Idee kommen, dass aus diesem jungen Menschen nichts wird? Der ist jetzt vielleicht gerade im tiefen Graben irgendwo, der ist schlammisch wird, der ist gerade irgendwo in der Wildnis. Aber der wird zurückkommen und dann hat er die Erfahrung der Wildnis. Das haben ja die ganz Braven nicht. Und ich habe so immer versucht, Eltern von diesen Kindern den Mut zu geben, darauf zu warten, dass sich das alles schon noch einrenken wird.
[00:16:22] Und in der Regel renkt es sich ein. Ausnahmen bestätigen die Regeln. Aber wenn nicht einmal mehr meine Eltern an mich glauben, Ja, also es gibt ja eine Studie. In New York hat man in den Außenbezirken, in diesen Slums hat man mal untersucht, welche Jugendliche haben denn den Weg da herausgefunden, aus diesen tristen Verhältnissen, wo also die Kriminalität, die Drogensucht und so weiter so stark war. Und dann ist man auf einen Faktor gestoßen.
[00:16:49] Diejenigen, die es geschafft haben, da rauszukommen und in ein geordnete Verhältnis zu kommen, haben Mütter gehabt, die unerschütterlich an ihre Kinder geglaubt haben. Heute bei 365, Psychotherapeutin Herta Wimberger-Spörker. Denken Sie, dass das, was Sie gerade beschrieben haben, das Phänomen erklärt, dass so allenthalm zu lesen ist, dass es heute mehr Angstprobleme und Angststörungen bei jungen Erwachsenen gibt als noch vor einigen Jahren? Ja, ganz sicher. Und das fängt ja schon an damit.
[00:17:19] Was ich ja überhaupt nicht verstehe, ist das, dass die Märchen alle gesäubert werden. Dass man den zwei-, dreijährigen Kindern nicht mehr zumutet, dass der böse Wolf die Großmutter frisst und dass der so böse ist. Aber sie enthalten ja den Kindern auch vor, dass es dann eine Lösung gibt. Und dass der böse Wolf ja dann aufgeschlitzt wird und dann in den Brunnen geworfen wird. Oder die böse Stiefmutter, die wird dann umgebracht und man denkt, dann macht man den Kindern Ängste oder implementiert damit Ängste.
[00:17:48] Aber es ist genau das Gegenteil, es war, weil Kinder kommen auf die Welt epigenetisch. Die wissen schon ziemlich genau, was ist gut, was ist böse. Und auch kleine Kinder wissen, dass die Welt nicht mehr gut ist. Und da erleben sie aber, hier ist das Gute, hier ist das Böse und schlussendlich siegt immer das Gute. Und dieses implizite Wissen in den Märchen, die ja auch so geschrieben sind und erzählt werden, dass sie ja unsere tiefsten inneren Strukturen berühren, unser tiefstes seelisches Menschsein, das ja eigentlich über die Welt hinweg bei allen gleich ist,
[00:18:18] das vergisst man ja. Und wir sind dann so bemüht, den Kindern jeden schrecken, dann dürfen sie nicht in die Schule gehen. Also wenn ihr dann denkt, was ich mit Eltern für ihre Themen habe, vor allem mit Zwangsstörungen, dass sie ihre Kinder doch bitte, bitte, bitte 300 Meter alleine zur Schule gehen lassen und dass sie das halt aushalten, die Angst zu Hause. Weiß ich nicht, einen Ball nehmen oder sonst irgendwas, aber das Kind doch bitte, bitte, bitte zu Fuß gehen lassen. Da haben Sie uns jetzt gleich zu einem Themenkreis geführt, der uns immer sehr am Herzen liegt.
[00:18:48] Das ist die Kommunikation, die nicht nur durch Worte, sondern auch durch Kunst, durch Film, durch Malerei, durch Theaterspiel, durch Drama entstehen kann. Kommunikation, Sie haben es schon erwähnt, haben Sie unterrichtet. Kommunikation findet ja bei Gott nicht nur durch Worte statt. Nein, nein. Viel mehr durch Haltungen. Viel, viel mehr durch Haltungen. Immer wieder in die Schule zurück. Wie ein Lehrer den Raum betritt, wie er sich vor die Klasse hinstellt, wie er Guten Morgen sagt und setzen und dann den Unterricht beginnt.
[00:19:17] Das ist das eigentlich Wesentliche und da spüren dann die Kinder. Gibt es hier einen inneren Raum beim Lehrer? Ist der überhaupt bereit, wirklich mit uns innerlich auch zu kommunizieren, uns wirklich zuzuhören? Oder steht der jetzt da vorne und sondert wie aus der Tube seinen Stoff ab, brillant und alles Mögliche, aber nicht so, dass er uns wahrnehmen will und dass er potenziell mit uns in Kontakt gehen möchte? Was so wichtig ist in der Schule, ist, dass der Lehrer, die Lehrerin einen guten Ausgleich findet
[00:19:47] zwischen ihr seid Teil dieser Gruppe und als Teil dieser Gruppe als Individuum nicht ganz so wichtig, aber auch, wenn es jetzt aber wirklich was gibt, dann bist du der Einzelne, der total wichtig ist und die Gruppe ist jetzt nicht wichtig. Und diese Balance zu finden und das zu erlernen, zu spüren, das ist leider das Defizit, das heute häufig auftritt, weil warum auch immer, das hat seine Gründe, weil das kostet die Kraft und das, also das kostet Kraft,
[00:20:15] gibt aber auch den Schülern Kraft und macht dann eine Klasse auch zu einer lebendigen Gemeinschaft. Und je besser eine Klassengemeinschaft ist, umso besser sind auch die Leistungen. Denn hier sind wir wieder bei der Angst. Wenn ich Angst haben muss, dass ich ausgelacht werde, wenn ich nicht in der Gruppe akzeptiert werde, ja, dann werde ich nicht mitarbeiten, dann kann ich nicht so gut denken. Und ich würde ja so viel investieren darin, wirklich Gruppenarbeiten mit Klassen zu machen, zu schauen, dass die möglichst viel gut miteinander tun können, auch im sozialen Lernen,
[00:20:45] damit eben die Leistungen dann, auch die kognitiven Leistungen befördert werden. Und die gängige Meinung ist aber, zuerst müssen die mal was lernen und dieses Miteinander fein haben, ja, das können sie am Spielplatz machen, aber doch nicht hier in der Schule, da geht es ja um mehr. Gruppenarbeiten von heterogenen Gruppen sind auch die beste Mobbingprävention. Ja. Wenn man sich in der Unterschiedlichkeit kennenlernt und in den verschiedenen Qualitäten. Ja, und Begegnungen hat. Und Mobbing entsteht ja sehr häufig auch dadurch, dass ich Vorurteile habe, dass ich Bilder habe.
[00:21:13] Und wenn ich mit dem Menschen aber dann konkret in Beziehung komme, dann komme ich drauf. Ja. Also, ja. Jetzt haben Sie da diese Momente beschrieben, wo der Lehrer in die Klasse kommt. Und das kann man jetzt nonverbale Kommunikation nennen. Vielleicht gibt es auch den Begriff der emotionalen Kommunikation. Und jetzt wird über Emotionen primär in den schlechten Seiten von Social Media und im Boulevard gearbeitet. Aber selten in der sogenannten seriösen Welt. Da wollen wir alles evidenzbelastbar machen.
[00:21:41] Wie können wir uns die Emotionen zurückerobern? In unserem Alltag, der nicht gleich laut schreit, sondern selbstverständlich die Frage stellt, wie geht es dir? Durch Zeit. Durch Entschleunigung. Durch Zeit, durch Entschleunigung. Und was das Allerwichtigste ist, und das habe ich erst vergessen. Das Allerwichtigste ist, wenn der Lehrer in die Klasse kommt, mit welchem Gesichtsausdruck, mit welchem Ausdruck in den Augen schaut er jetzt in die Klasse?
[00:22:09] Schaut er akzeptierend, liebevoll, wertschätzend in die Klasse? Oder schaut er gar nicht hin? Also diese Kraft der liebevollen Blicke. In meiner Ausbildung zur Kinderpsychotherapeutin hat es die zwei Bände vom Bettzoll gegeben. Und das hat geheißen, die Kraft liebevoller Blicke. Und meine Lebenserfahrung als Lehrerin auch so im Alltag ist die, wie man jemanden anschaut, ohne dass man irgendwas sagt. Das macht so viel für den Menschen.
[00:22:35] Das kann dann, kriegt er dann die Erfahrung seines eigenen inneren Raums. Und ich selber erlebe das ja auch. Ich habe vor kurzem mit einem Spital zu tun gehabt. Und wenn da die Krankenschwester reinkommt und einfach ihre Arbeit macht, ist gut, ist man eh froh. Aber wenn da jemand kommt und einfach nur anschaut, dann geht das Herz auf. Und wenn das Herz aufgeht, dann geht die Angst weg. Weil Herz geht auf, die Enge geht weg. Und Angst wirkt ja direkt auf unser Herz. Wir kriegen Herzrasen, Herzklopfen.
[00:23:05] Und darum sind also diese ganz, ganz einfachen Dinge so. Eine Mama schaut ihr Baby an. Die Eltern freuen sich über ihre Kinder. Man freut sich, dass man vom Urlaub zurückkommt. Und ja, sogar die Katze schaut uns dann, weil die schaut meistens dann weg, weil die ist böse. Aber der Hund, der schaut uns so ganz, ganz liebevoll an. Und das, wenn der Blick wieder weicher wird, ja, dann würde die ganze Welt auch ein bisschen weicher werden. Aber das braucht natürlich Zeit.
[00:23:58] Wie sind denn Sie mit dieser Doppelrolle umgegangen? Als Pädagogin im Wechselspiel von der Person, die den Kindern begleitend, unterstützend Wissen vermitteln soll und gleichzeitig die Person ist, die das Wissen auch abzuprüfen hat. Das war ganz schwierig, ja. Angst und Macht. Das war ganz schwierig. Also ich bin ja schon in Pension als Lehrerin. Ich vermisse immer noch das Unterrichten.
[00:24:24] Ich vermisse es, den Schülern das nahezubringen, was mir so wichtig ist und mir so ganz, ich habe Rechnungswesen unterrichtet, ich liebe Rechnungswesen. Also es tut mir leid, dass ich das, aber was ich wirklich froh bin, ist, dass ich nicht mehr beurteilen muss. Ja, wie macht man das? Man muss es rationalisieren. Man muss ganz viel und intensiv daran arbeiten, dass man sagt, ich war in einer berufsbildenden Schule.
[00:24:49] Also es würde ja auch niemand was helfen, wenn hier Menschen dann eine Berufsberechtigung kriegen, die sie in Wirklichkeit innerlich nicht haben. Dass man gleichzeitig für sich auch den Wert von Noten und den Wert von Abschlüssen relativiert, dass man selber an dem arbeitet, dass das Wichtige ist, dass ein Mensch in seinem Leben glücklich wird. Und wenn ein Kind oder ein Jugendlicher unbedingt maturieren muss, weil die Eltern dahinter sind, und der kann es halt einfach nicht,
[00:25:18] dass ich dann weiß, okay, ich muss da jetzt wieder einen Fünfer geben, wie war es, deine Eltern drehen halbes durch, stehst durch, du wirst deinen Weg machen. Und das also auch immer den Schülern zu vermitteln. Und vor allem habe ich eins gelernt, also da war ich ja, wie ich angefangen habe zum Unterrichten, habe ich mich dann immer besonders um die Schüler bemüht, die ja nicht genügend haben, weil ich davon ausgegangen bin, na, die wollen natürlich kein nicht genügend mehr haben. Und bin dann hingegangen, habe das thematisiert. Und was können wir denn da jetzt machen? Und dann bin ich dann sehr schnell abgewiesen worden. Und ach, was gehen Sie das an? Und das ist ja immerhin mein Fünfer.
[00:25:47] Und habe also da auf die harte Tour kennenlernen müssen, dass also auch der nicht genügend Schüler seine Würde hat und dass er sich das nicht wegnehmen lassen will. Ja, ja. Und so habe ich einfach die Realität gesehen. Matura ist erstens nicht alles. Zweitens, es kommt darauf an, dass er etwas findet, wo er gut ist oder sie gut ist. Dass junge Menschen verschiedene Lebenswege haben. Dass auch wer jetzt möglicherweise ausschert aus dieser sogenannten Bildungsschicht, der dann so viele Wege hat, das später nachzuholen.
[00:26:17] Oder in einem anderen Beruf einfach auch seine Zufriedenheit findet. Und dass es völlig überbewertet ist, für jeden akademisch oder Matura zu wollen, das ist eigentlich das Unglück von vielen jungen Menschen, dass die Eltern immer glauben, sie müssen das Beste für ihre Kinder haben. Wie ich noch die Ausbildung in Salzburg gemacht habe, da bin ich immer alle 14 Tage nach Salzburg gefahren und da war in Schwanenstadt eine große Fabrik und da ist oben gestanden, eure Eltern wollen immer nur das Beste,
[00:26:46] aber das kriegen sie nicht. Herr Tamimberger, jetzt frage ich Sie wieder mit dem anderen Hut auf. Warum macht es so viel Sinn, dass über Angst, wenn sie einen einengenden Charakter bekommen hat, dann in einer Therapie gesprochen wird und Eltern sich dann auch abgrenzen müssen und sagen, ich brauche jetzt Hilfe von außen? Weil Angst, wenn sie nicht behandelt wird, wenn ich keine Strategien erlerne, damit umzugehen,
[00:27:14] wenn ich sie nicht neu framen kann, mein Leben wirklich massiv beeinträchtigt, meine Fähigkeiten und meine Freiheit einschränken und es ja die Hilfe in der Psychotherapie gibt. Angststörungen sind natürlich langwierige Therapien, das braucht Zeit. Aber sie sind sehr gut therapierbar, oder? Ja, sehr gut sogar. Sie sind deshalb gut therapierbar, weil in den Therapien ja, wenn sie längerfristig sind,
[00:27:42] man ja auch dann zu diesen tiefen Kindergefühlen kommt und dort liegen ja diese Ängste begraben, dort sind diese Störungen ja verortet. Und wenn man hier dann den Ort findet, wo dann Menschen verbunden mit diesen tiefen Gefühlen erleben können, da bin ich ja Kind, ich erlebe das ja eigentlich als Kind und nicht als Erwachsener. Das ist schon mal so der erste Schritt. Und ich bin ja erwachsen, ich habe ja Möglichkeiten. Und dann kann man das trainieren.
[00:28:09] Dann gibt es natürlich auch diese Angst, die ist ja häufig auch mit Minitraumata oder mit Traumata verbunden. Dann gibt es ja auch Methoden, wie man die wieder löschen kann, wie man mit denen umgehen kann. Und es gibt Techniken, was mache ich, wenn ich jetzt wirklich Angst habe? Wie sehen Sie denn da auch die Beziehung der Menschen zu medikamentöser Unterstützung? Wenn Sie als Psychotherapeutin mit dem befreundeten Psychiater oder dem Bekannten, Psychiater oder Neurologen sprechen,
[00:28:39] gilt da immer noch diese Sorge der Eltern bei Medikamenten. Die würden überhaupt nicht zögern, bei einer Entzündung Antibiotika sich verschreiben zu lassen, aber sie haben ein Riesenthema, wenn der Psychiater oder die Neurologin ein Medikament in Psychoangelegenheiten empfiehlt. Und leider ist das so. Leider ist das so. Und es ist ja nicht nur von Eltern in Bezug auf die Kinder, sondern auch von Erwachsenen, die in Therapie kommen, die zuerst einmal sagen, sie nehmen keine Medikamente. Bei Erwachsenen ist das ja so, ja, das ist zu akzeptieren.
[00:29:06] Und ich weiß ganz genau, bei diesem Grad der Störung, es dauert ungefähr ein halbes Jahr. Und sie werden sagen, okay, ich probiere es. Und dann sagen, mein Gott, warum habe ich das nicht vorher genommen? Bei Kindern ist es so, dass dann oft zweite Meinungen eingeholt werden. Also das heißt, hier sichern sich Eltern schon sehr gut ab, ob sie Medikamente geben. Aber die eigene Leidensfähigkeit ist dann oft auch die Grenze, wo dann Eltern sagen, jetzt kann ich nicht mehr. Das Kind kommt jede Nacht zu mir ins Bett. Wir können nicht mehr auf Urlaub fahren.
[00:29:35] Wir können das nicht. Wir können das nichts. Also das heißt, wenn dann die Einschränkungen für die Eltern so stark werden, dass sie merken, die Geschwister, die Familien leiden darunter, dass sie dann bereit sind, Medikamente zu nehmen. Noch dazu, wo ja, denke ich, die Psychotherapeuten sich auch darin verstärken, dass man das ja immer eine Zeit lang nimmt und dass die Therapie ja erst dann wirklich gut wirken kann, wenn überhaupt mal die Möglichkeit ist, auf das Denken und auf das Fühlen auch wieder Einfluss zu nehmen und dass man das ja dann wieder ausschleicht.
[00:30:02] Und dann sind sie schon auch bereit. Aber hier in Österreich haben wir ja wirklich so eine massive Angst vor Medikamenten. Dabei ist es doch logisch und naheliegend, dass jedes psychische Thema eben auch physische Folgen hat. Und die Medikamente wirken auf die Nervenwarnen, wirken auf die Botenstoffe im Gehirn. Und das kann man wirklich gut erklären. Aber ich denke, das ist halt auch so etwas Epigenetisches, so kommen wir Österreicher auf die Welt. Wir haben es ja bei Corona gesehen.
[00:30:32] Dann komme ich jetzt noch einmal in Ihre Welt der berufsbildenden Schulen mit wahrscheinlich auch ein bisschen einem Vorurteil, dass ich glaube, dass dort Menschen aus vielen verschiedenen sozialen Milieus und sozioökonomischen Milieus ihre Ausbildung machen. Armut macht krank. Armut macht auch psychisch belasteter, oder? Ja, auf jeden Fall. Wenn ich nicht das Geld habe, dass ich ja schön... Also es fängt schon an beim Wohnen. Eingeschränkte Wohnverhältnisse machen eingeschränkte Seelen.
[00:31:00] Die Zukunftsangst ist in diesen Familien größer. Es herrscht nicht diese Zuversicht. Es fehlt die Sicherheit. Und wenn die materielle Sicherheit fehlt, dann ist es oft sehr schwierig, eine emotionale Sicherheit aufrechtzuerhalten. Und die Kinder sind natürlich auch mit Ängsten der Eltern konfrontiert und werden, vor allem habe ich das ja dann beim Migrationshintergrund gesehen, dass die bei uns schon deshalb einen Nachteil haben, weil die Art, wie Familie gelebt wird, im Herkunftsland übertragen wird auf unsere Gesellschaft,
[00:31:29] was dann eine automatische Benachteiligung vor allem der Mädchen bedeutet. Weil es in vielen Kulturen selbstverständlich ist, dass die Kinder schon, die Mädels so mit 10, 11, die Care-Arbeit für ihre jüngeren Geschwister übernehmen oder auch kochen. Das heißt, das ist so selbstverständlich dort. Das wird überhaupt nicht hinterfragt. Und die Mädels sich dann schon oft sehr schwer tun. Sie haben zum Beispiel nicht den Raum, dass sie einen Schreibtisch haben, dass sie ein Zimmer haben, dass sie mal in Ruhe ihre Aufgaben machen kann.
[00:31:59] Ich war ja Schulpsychotherapeutin während Corona. Da konnten die Kinder dann nicht mehr in die Schule kommen. Wir haben versucht, dann über Teams noch therapeutische Sitzungen zu machen. Aber das ist oft dann nur mehr gegangen im Klo, weil sonst überall jemand gewesen ist. Das heißt, die Kinder aus diesen Familien, die es am meisten gebraucht hätten, hatten dann auch dafür nicht die Möglichkeit, während ein durchschnittliches österreichisches Kind sich zumindest mit ihrem Geschwistern dort einen Raum teilt. Und dort ist es ja häufig so, dass es ja nicht einmal wirklich einen richtigen Schlafplatz gibt,
[00:32:29] dass das oft auch sehr flexibel ist, dass sie viel arbeiten müssen in der Familie, dass sie da sein müssen und dass ihnen dann die Zeit fehlt fürs Lernen. Auch denen, die wirklich ehrgeizig sind. Und die Begabungen sind ja komplett gleich verteilt. Es gibt ja diesen Spruch, der sich sehr, sehr klar belegen lässt, dass Bildung vererbt wird. Werden dementsprechend auch Zukunftsängste vererbt?
[00:32:59] Bestimmt. Ganz bestimmt. Und ich denke gerade, meine Generation hat ja Eltern, die den Krieg erlebt haben. Manche von unseren Eltern sind ja sogar noch als 17- oder 16-, 17-Jährige direkt zur Wehrmacht eingezogen worden. Und dass diese Ängste, die nicht ausgesprochen waren, uns zu diesen Boomern gemacht hat, zu diesen leistungserfüllenden Menschen, die noch mehr und noch mehr und noch mehr leisten wollen und erreichen wollen. Wobei uns diese ganz, ganz paradoxerweise
[00:33:28] ja wir keine Zukunftsängste gehabt haben. Weil ich bin noch aus vom Studium heraus, bin ich in die Schule gerufen worden. Es waren keine Lehrer da. Später ist mir dann klar geworden, mit schmerzlichen Gefühlen, dass wir natürlich diese Plätze gefüllt haben, all der Menschen, die als Zertoten gestorben sind oder bei Bombenangriffen. Das war mir damals nicht bewusst. Das ist mir dann später bewusst worden. Also das heißt, auf der einen Seite, die Welt ist uns offen gestanden. Es hat geheißen, wir brauchen euch, wir brauchen euch. Aber dahinter, unausgesprochen, war diese extreme Situation der Gesellschaft,
[00:33:59] die gerade aus dem Krieg gekommen ist, gerade vielleicht 10, 15 Jahre Frieden gehabt hat und aber diese Ängste noch in sich gehabt hat, aber es nicht mit uns geteilt hat. Das heißt, es wurde uns nicht mitgeteilt. Das heißt, wir haben geleistet und getan in einer Gesellschaft, wo wir eigentlich locker leben hätten können, mit den Ängsten der Eltern, die uns nicht bewusst gewesen sind. Und heute sagt die Generation ja, ihr wahnsinnigen Babyboomer da, ich meine, was ihr da so alles macht, nein, wir chillen, wir haben Life-Work-Balance. Das hat so vor 20, 25 Jahren angefangen und so verrückt sind wir nicht.
[00:34:29] Während wir jetzt, wir Babyboomer sagen, seht ihr nicht, Wirtschaft wird enger, möglicherweise Pensionen und so weiter und so fort. Also das heißt, es ist wie mit einem Diaprojektor. Also hinter uns werden die Bilder eingelegt und werden an die Wand geworfen und wir glauben, das ist die Zukunft. Also unsere Generation hat ja einen wunderbaren Aufstieg machen können und das war nicht schwierig. Das ist bei uns hinten im Diaprojektor. Wir sehen es an der Wand und die Jungen sehen aber,
[00:34:58] glauben, dass das auch ihre Zukunft ist. Und manchmal ist man halt nicht mehr so ganz sicher, ob eigentlich die Zukunft auch so sein wird wie die Vergangenheit. Wichtig ist dann, nicht Angst zu haben, sondern eben diese Resilienz zu haben, zu sagen, ich habe bis jetzt, also alle unsere Vorfahren haben das Leben irgendwie geschafft und so sind wir auf die Welt gekommen und auch wir und unsere Kinder werden diesen Weg weitergehen. Also sich vor der Angst nicht verrückt machen zu lassen, das ist so wichtig. Sie ist da, sie ist zu akzeptieren und nicht wegzudiskutieren,
[00:35:27] aber ihr den richtigen Platz zu geben. Und wenn andere seelische Dimensionen stark da sind, dann hat die automatisch nicht so viel Platz. Da will ich noch kurz nachfragen. Wir sehen, dass viele junge Erwachsene rund um die Klimakrise, rund um den Krieg, rund um Dinge, die dann doch irgendwo anders passieren, sehr belastet sind. Wie kann man dabei helfen, dass sie sich im Hier und Jetzt als selbstbestimmt erfahren? Also erstens einmal das Wichtigste finde ich,
[00:35:57] dass man regelmäßig einen Mediendetox macht. Also dass man einfach sagt, so eine Woche keine Medien. Das Zweite ist, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen und mit sich selber. Und zwar diese ganz wichtig, in Selbstkommunikation zu gehen und zu sagen, was hast du in deinem Leben alles schon bewältigt? Und jeder von uns hat schwierige Situationen bewältigt. Das bleibt dir bei niemandem aus. Und du hast Fähigkeiten erworben.
[00:36:25] Und du wirst auch in Zukunft diese Fähigkeit haben. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt, aber was immer auf uns zukommt, wir werden es bewältigen. Und wenn man dann noch einen Schritt weiter geht, sagt man, wir werden es bewältigen und ins Gute wenden. Denn Yin-Yang, es hat alles Schlechte einen guten Kern und alles Gute einen schlechten Kern. Und in diesem Sinne einfach zu wissen, die Welt geht immer weiter. Sie dreht sich weiter. Und der Mensch hat immer die Fähigkeit gehabt, die Zukunft wieder zu gestalten. Und wir Babyboomer kommen aus einer Zeit,
[00:36:55] wo es nichts gegeben hat. Also da, wo ich gewohnt habe, da waren zehn Häuser. Aber da hat keiner Auto gehabt. Fernseher haben wir gekriegt, wie ich 16 war. Da haben wir den ersten Fernseher gekriegt. Bis dahin hat es auch keinen Fernseher gegeben. Wie wir es damals geschafft haben, uns zu verabreden ohne Telefon, weiß ich nicht. Und ich habe immer so den Film vor Augen, das La Vita e Bella. Also wo in dieser schlimmsten Hölle, die man sich vorstellen kann, ein Vater es schafft,
[00:37:23] seinem Kind das Leben so zu gestalten, dass das Kind sicher Zukunft gesehen hat. Und ich denke, an diese Fähigkeit müssen wir einfach denken. Unsere Vorfahren haben sie gehabt. Wir haben sie, wenn man sich jetzt so die Filme anschaut, wie es ausgeschaut hat, 45. Ja. Im Grunde haben Sie da jetzt schon viel von dem gesagt, wozu ich Sie am Schluss noch verführen wollte. Und zwar zu einem Gedanken, der keine Forderung ist, der auch keine Antwort bietet, sondern die Bitte um eine Frage, die Sie formulieren,
[00:37:52] mit der wir uns als Gesellschaft in den nächsten Jahren beschäftigen sollten. Also was sollte jetzt diese Leitfrage für unsere Gesellschaft sein? Wie können wir es möglich machen, dass wir diese große Unterschiedlichkeit und Vielfalt in den verschiedenen Menschen, zwischen den ökonomischen Standards, das in ein gutes, gemeinsames Überführen, wie können wir es schaffen,
[00:38:21] dass diese großen Ungleichheiten sich mildern, sodass sich die Gesellschaften mehr durch ihre Gleichheit auszeichnen als dadurch, dass es so große Unterschiede gibt. Und dass man nicht Angst hat, wenn man selber etwas abgibt, dass man dann nichts mehr bleibt, sondern dass man sieht, was ich am Überfluss abgebe, macht einfach die gesamte Gesellschaft zufriedener. Und dass wir den Geist der Gesellschaft, dass wir den wieder ernst nehmen, dass ich nicht als Einzelner glücklich und zufrieden sein kann
[00:38:51] und auch nicht als Gruppe, wenn rundherum den Menschen das Wichtigste fehlt. Also diesen Gemeinschaftssinn, den finde ich so wichtig. Hertha Wimberger, vielen Dank für Ihre Zeit, vielen Dank für die Expertise. Gerne, Dankeschön. 365, ein Angebot von VsUM, dem Verein zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien, hergestellt von Inspiris Medienproduktion. Falls Sie die Arbeit von VSOM und diesen Podcast unterstützen möchten, dann abonnieren Sie 365
[00:39:21] auf allen Podcast-Plattformen wie Spotify, Castbox, iTunes oder Soundcloud und überall, wo es Podcasts sonst gibt. Der Verein zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien finanziert seine Aktivitäten durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Falls Ihnen Medienbildung und Demokratie auch ein Anliegen sind, dann freuen wir uns, wenn Sie uns mit einer Spende unterstützen möchten. Dazu finden Sie Informationen auf der Webseite www.vsum.tv In diesem Sinne,
[00:39:51] bis morgen. � Osman In機ус
