Oliver Scheibenbogen leitet den Bereich Klinische Psychologie am Anton Proksch Institut in Wien, er ist Gründungsmitglied und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Sozialästhetik und Mental Health an der Sigmund Freud Universität Wien und seit einigen Monaten in den Medien besonders präsent durch das sogenannte Handy-Experiment.
Er begleitet Fabian Schecks Initiative vom Gymnasium in Gänserndorf wissenschaftlich. Beim ersten Mal war es nur eine Schulklasse, heuer im Jahr 2026 hat er es mit 70.000 teilnehmenden Schüler*innen zu tun und wird diese Daten verarbeiten und analysieren.
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Ein Podcast von VsUM, Produktion: Inspiris Film
Redaktion & Moderation: Golli Marboe, Gestaltung & Produktion: Iris Haschek, Schnitt: Caritas Koren, Musik: Michael Pogo Kreiner
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[00:00:02] 365, Über Medien Reden, der Podcast zur Vielfalt der Medienwelt. Oliver Scheibenbogen leitet den Bereich Klinische Psychologie am Anton-Prox-Institut in Wien. Er ist Gründungsmitglied und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Sozialästhetik und Mental Health an der Sigmund Freud Universität Wien und seit einigen Monaten in den Medien besonders präsent durch das sogenannte Handy-Experiment.
[00:00:31] Er begleitet Fabian Scheck Initiative vom Gymnasium in Gensendorf wissenschaftlich. Beim ersten Mal wird es nur eine Schulklasse. Heuer im Jahr 2026 hat er es mit 70.000 teilnehmenden Schülerinnen zu tun und wird diese Daten verarbeiten und analysieren. Heute bei 365 und bei Mental Health Radio der Experte für Sucht- und Abhängigkeitsfragen Oliver Scheibenbogen.
[00:00:58] Oliver Scheibenbogen, Ihr viel umjubeltes und zu Recht bejubeltes Projekt des Handy-Experiments wird ja als Zeit der handyfreien Zeit beschrieben. Ist denn das überhaupt richtig? War das eine Zeit, die drei Wochen, die die Jugendlichen verbracht haben, ohne Handy-Konsum?
[00:01:14] Also in Wirklichkeit Handy nein, aber es war ja möglich zum Beispiel den Computer zu benutzen, das iPad zu benutzen oder auch zum Beispiel ein altes Cellphone, also ein nicht internetfähiges Telefon auch weiter zu benutzen. Das war uns deswegen einfach so wichtig, weil es geht ja nicht darum, die Kommunikation völlig zu verbieten, sondern einmal zu schauen, was macht denn das, wenn ich vor allem diese ganzen Zeitfresser einfach abschalte.
[00:01:42] Jetzt kommen Sie von der wichtigsten und bekanntesten Suchthilfe-Einrichtung des Landes. Können Sie uns ein bisschen beschreiben, weil Sie da eben auch rund um den Gebrauch des Handys so differenzieren, wann beginnt denn überhaupt suchtartiges oder Abhängigkeitsverhalten? Also im Prinzip ist es so, dass immer ein paar Kriterien erfüllt sein müssen, damit man diese Diagnose stellen kann und es ist völlig wurscht, ob das jetzt Alkohol ist oder ob das illegale Drogen sind oder auch Verhaltenssüchte, wo Internet, Smartphone, Handy sucht, auch dazugehört.
[00:02:09] Und das Kernkriterium ist einmal dieser Kontrollverlust. Das heißt, ich nehme vor, ich bin zum Beispiel nur eine halbe Stunde am Handy oder eine Stunde, weil ich gerade ein bisschen Zeit habe dazu und aus der Stunde wären dann drei, vier, fünf Stunden und das ist immer wieder der Fall. Dann habe ich auch Entzugserscheinungen. Das heißt, beim Absetzen merke ich, ich fühle mich unwohl. Das sind vor allem psychische Entzugserscheinungen wie Unruhe, Nervosität, Gereiztheit.
[00:02:33] Vielleicht kennt das der ein oder andere auch vom Versuch, mit den Zigaretten aufzuhören. Da ist man auch oft so ganz gereizt in die ersten paar Tage. Bis hin aber auch zu somatischen Beschwerden, wie beispielsweise Kopfschmerzen. Dann haben wir eine Toleranzentwicklung. Ich brauche immer mehr. Das wächst ganz langsam, wächst die Dosis einfach an. Und dann habe ich das Problem, dass das immer mehr Zeit in Anspruch nimmt. Ich verliere immer mehr Interessen an allem anderen.
[00:02:58] Also beim Handy, Smartphone, bei Kindern, Jugendlichen ist es vor allem, ich gehe nicht mehr in Verein, ich gehe nicht mehr Fußball spielen. Ich treffe mich nicht mehr mit den Freunden. Ich fange an, die Schule zu vernachlässigen, weil dieses suchtähnliche Verhalten immer süchtiger macht und immer mehr Zeit in Anspruch nimmt. Und dann habe ich die ersten Personen, vor allem die Eltern bei Jugendlichen, die dann sagen, naja, überdenk einmal, wie viel tust du denn da? Und es entstehen die ersten negativen Konsequenzen und ich mache trotzdem weiter.
[00:03:27] Und diese Kriterien, und das ist mir auch immer ganz wichtig, die müssen über ein ganzes Jahr vorhanden sein. Das heißt, das reicht nicht, wenn das einmal ein paar Wochen intensiver ist, wie beispielsweise in den Ferien oder so, dann sagt man schnell, naja, du bist ja jetzt schon süchtig geworden. Nein, das ist dann nicht der Fall. Wir übertreiben da auch ein bisschen sozusagen inflationär diesen Begriff der Sucht zu verwenden. Aber wenn es ein Jahr vorhanden ist und mindestens drei dieser Kriterien erfüllt sind, dann ist es so, dass wir diese Diagnose stellen können.
[00:03:57] Zwei Assoziationen dazu. So die erste. Also ich darf mich freuen, wenn ich das neue FIFA gekriegt habe und darf da auch einmal 48 Stunden durchzucken. Genau. Also kurzfristig. Das kennt ja jeder auch, dass man mal ein bisschen exzessiveres Verhalten hat, wenn einem was interessiert. Und wenn man mit Leidenschaft dabei ist, das ist völlig in Ordnung. Und dann habe ich eine zweite Nachfrage. Menschen, die illegale Drogen genommen haben, die haben ihren Heroinkonsum manchmal so beschrieben, dass das erste Mal wirklich eine ganz wunderbare Erfahrung war, beim zweiten Mal war es in Ordnung.
[00:04:25] Und ab dem dritten Mal waren sie aber eigentlich in einem Tal und haben die Droge gebraucht, um überhaupt wieder in den Normalzustand zu kommen. Ist denn das beim Handy auch irgendwo so ein Ergebnis Ihrer Studien jetzt rund um diese Handy-Experimente? Ja, wir sehen das natürlich auch, dass das sozusagen ein leichter, positiver Anfangseffekt sich immer mehr abnutzt. Sozusagen zugunsten eines langen, immer länger werdenden und immer negativ werdenden zweiten negativen Effekts.
[00:04:53] Und das ist genau dieses typische Süchtige. Das gibt es halt Substanzen zum Beispiel, wo das ganz massiv ist bei Kokain. Es gibt viele, die Kokain nehmen und sagen, so wie beim ersten Mal, ich habe es nie, nie wieder erlebt. Das reicht schon ein oder zweimal aus dazu. Beim Handy ist es nicht ganz so intensiv, aber auch dort sehen wir, dass das sozusagen diese ursprünglich positive Wirkung, dass man dem sozusagen so in Graving-Gier hinterherhirscht und das eigentlich dann aber nicht mehr in dieser Intensität schafft.
[00:05:21] Jetzt haben Sie es ja diesmal mit 70.000 jungen Erwachsenen zu tun gehabt. Hattet ihr denn da auch so eine Backup-Betreuung für jene, die dann in so ein Tal fallen? Also die Stichprobe ist enorm groß. Ich muss ganz ehrlich sagen, so eine große Studie in der Form habe ich eh noch nie gemacht. Und uns war wichtig, die Lehrer mit ins Boot zu holen, weil das wäre anders gar nicht gegangen. Also die Lehrer waren diejenigen, die dann sozusagen die Schülerinnen und Schüler motiviert haben,
[00:05:47] an dem Experiment teilzunehmen, die Codes ausgeteilt haben und auch ad hoc, wenn da emotional sozusagen Turbulenzen oder Irritationen entstanden sind, das auch unmittelbar abzufangen. Wir haben dann auch in den Newslettern an die Lehrer und an die Schüler geschrieben, wenn es dort Themen gibt, bitte sofort mit den Lehrern auch besprechen und über die Lehrer als Multiplikatoren dann dementsprechend dann auch Hilfe anzubieten,
[00:06:10] facheinschlägige Hilfe, Schulpsychologie bis hin dann auch eben im niedergelassenen Bereich Hilfe in Anspruch zu nehmen. By the way, warum lassen sich gerade Burschen, und wir haben ja immer dieses Kommunikationsproblem geschlechterspezifisch bei Burschen stärker als bei Mädchen, beim Sport sehr wohl vom Trainer sagen, wie man Elfer besser versenkt und warum bei den Gefühlen nicht? Ja, weil so ein typischer gestandener Mann, der hat ja keine Gefühle.
[00:06:36] Und dieses Vorurteil, das ist immer noch, glaube ich, gesellschaftlich in uns ganz massiv verankert. Gefühle zeigen ist immer ein Zeichen von Schwäche, vermeintlich. Und daher ist es so, dass wir, Burschen wollte ich jetzt schon sagen, wir Männer, eher dazu neigen zu explodieren und dann ist das sozusagen oft eher so eine Form der Aggression, der verbalen Aggression. Das heißt, man sagt ja auch, Männer explodieren und Frauen implodieren. Das heißt, richten eher die Aggression gegen sich selbst.
[00:07:06] Das heißt, in der verbalen Kommunikation ist es aber oft dann ganz umgekehrt. Das heißt, eher sozusagen die, die schweigend sind und kaum was nach außen tragen, eben weil das stigmatisiert wird bei den jugendlichen Männern. Und daher müssen sie sich mit sich selbst ausmachen. Und das ist immer so dieses Problem, dass psychische Erkrankungen ganz generell ja dann eher anfangen zu wachsen, wenn ich niemanden habe, dem ich was anvertrauen kann, wenn ich keine Bezugspersonen habe, mit denen ich darüber reden kann.
[00:07:32] Wir Menschen von der Psyche sind ja sehr gut in der Lage, mit vielen Schwierigkeiten gut umzugehen. Aber man merkt, dass eben eine wichtige Vertrauensperson gibt, mit der ich darüber reden kann, dann hilft das oft schon ganz, ganz massiv. Das heißt, ich bin nicht allein mit meinen Problemen. Und dann hat auch die Fantasie, weil wenn ich es mit mir selber ausmache, dann ist die Fantasie ja oft auch ganz, ganz stark regieführend. In der Fantasie sind die Dinge meistens viel schlimmer als in der Realität. Das berühmte Kreisen der Gedanken, wenn man nicht einschlafen kann. Genau.
[00:08:05] Sollten Sie sich in einer seelischen oder psychischen Krise befinden und Hilfe suchen, dann können Sie sich an die Telefonseelsorge wenden unter 142, 24 Stunden, sieben Tage in der Woche lang. Oder wenn Sie lieber chatten, dann unter telefonseelsorge.at und dann auf Sofortchat klicken. Oder wenn Sie persönlich Hilfe benötigen und das im persönlichen Gespräch machen möchten, dann gibt es auch noch das Kriseninterventionszentrum, kriseninterventionszentrum.at.
[00:08:37] Wir verwenden ja Drogen sehr oft als Medikament. Alkohol ist das beste Beispiel in unserem Land. Ist denn das beim Handy auch so? Geben sich gerade Burschen oder Jugendliche im Allgemeinen das Handy sozusagen als Ablenkung, weil sie ein Problem nicht lösen können? Verordnen Sie sich das selbst? Ist das so eine Flucht vor der Angst, etwas nicht zu schaffen? Das ist ganz oft der Fall. Also wir sind schon jetzt in einer Gesellschaft, die nach wie vor sehr, sehr leistungsorientiert ist,
[00:09:04] wo Ansprüche an Kinder und Jugendliche gestellt werden. Und wenn man selber dann so das Gefühl hat, ich kann aus der eigenen Kompetenz, aus der eigenen Stärke dem nichts entgegensetzen, dann ist die Flucht aus der Eskapismus schon eine ganz, ganz große Coping, vermeintliche Coping-Strategie. Und da ist es natürlich toll, wenn ich dann ein Handy habe und ein paar TikTok-Videos habe und auf einmal bumm, innerhalb von wenigen Sekunden bin ich in einer ganz anderen Welt und muss mich diesen Problemen nicht stellen. Und das ist mir immer ganz wichtig zu sagen, wir dürfen das Handy ja nicht als genereller verfluchen.
[00:09:34] Und deswegen gibt es immer zwei Optionen. Ich kann sagen, ein Handy ist eine gute Coping-Strategie. Zum Beispiel, wenn ich jetzt soziale Ängste habe und irgendwie das Gefühl habe, rausgehen ist nicht so einfach. Ich gehe aber raus und habe das Handy bei mir, weil ich weiß, ich kann dann mich ablenken in schwierigen sozialen Situationen und stelle mich dann diesen sozialen Situationen oder kann Hilfe holen. Dann ist es funktionale Coping-Strategie. Oder ich denke mir, naja, ich bin eh social connected über die sozialen Medien. Ich brauche das Haus ja eigentlich gar nicht mehr verlassen,
[00:10:03] weil ich habe eh das Gefühl, ich bin mit anderen ständig in Kontakt. Und dann ist aber das Problem wiederum, dann ist es mal adaptive Coping-Strategie und dann ist es schlecht, weil ich mich diesen Ängsten und Herausforderungen nicht stelle. Und was es jetzt ist, individuell ist es ganz, ganz unterschiedlich. Und in den Gesprächen, die wir jetzt beispielsweise bei uns in der Ambulanz des Anton-Prox-Instituts führen, versuchen wir das herauszubekommen. Ja, das heißt, deswegen ist es wichtig, es nicht generell zu verteufeln, sondern zu schauen, genau welche Funktion hat es. Und ganz häufig ist es eben der Eskapismus.
[00:10:31] Uns fragen bei den Elternabenden und bei den Lehrerfortbildungen im Rahmen der Mental Health Test die Erwachsenen immer, wie kann ich denn feststellen, was ist noch gesund und was ist schon krank? Gibt es da irgendeinen Tipp? Gibt es da etwas, was wir den Älteren, den Erwachsenen da mitgeben könnten? Also einer der wichtigsten Kriterien, die ich eh vorher schon ein bisschen genannt habe, ist die negativen Konsequenzen. Das heißt, solange es nur ein exzessives Verhalten ist, aber kaum negative Konsequenzen da sind. Das heißt, in der Schule, die Noten passen.
[00:10:59] Wenn ich merke, irgendwie geht Fußballspiel nach wie vor, trifft sich mit Freunden und hockt dann am Wochenende einmal und spielt halt das Wochenende durch, dann habe ich kaum negative Konsequenzen. Wenn ich aber merke, irgendwie dahinter stehen eventuell schon ein bisschen psychische Probleme aufgrund auch dieser negativen Konsequenzen. Man zieht sich immer mehr zurück. Die Kinder äußern Angstsymptome oder eben depressive Symptome beispielsweise. Dann fängt es wirklich an,
[00:11:28] von problematisch in fast in Richtung einer Pathologie sich zu verändern. Und dann, glaube ich, ist es ganz, ganz wichtig, hier möglichst schnell etwas zu machen, weil, mir ist das auch immer ganz wichtig, eine Sucht kommt selten allein. Das heißt, oft ist etwas dahinter und das Suchtmittel, egal ob das das Handy ist oder irgendwelche Substanzen, wird ja, so wie Sie es ja vorher richtig gesagt haben, eigentlich als Selbstmedikation benutzt. Und das ist etwas ganz, ganz Häufiges. Und deswegen ist es immer wichtig, wenn wir in der Sucht etwas behandeln, dann behandeln wir immer beides.
[00:11:58] Die zugrunde liegende Problematik und vielleicht psychische Erkrankung, die dahinter steckt, ist nicht immer so, aber irgendeine Problematik gibt es immer. Und gleichzeitig die Sucht. Wenn man nur das eine behandeln würde, ich erlebe das oft bei niedergelassenen Therapeuten, die Spezialisten sind für psychische Erkrankungen und die schon jahrelang mit den Patienten arbeiten, und da tut sich nichts. Warum? Weil die Sucht nicht thematisiert wird, aus Scham zum Beispiel. Und umgekehrt sehen wir das auch so. Wenn wir nur die Sucht behandeln, dann ist das Rezidiv vorprogrammiert,
[00:12:28] weil dann schlägt die Depression oder die Angsterkrankung wieder zu und irgendwann kann ich mich nicht mehr zusammenreißen und dann konsumiere ich wieder. Also deswegen beides immer gleichzeitig. Diese berühmte Multikausalität. Dies führt mich aber auch zum Gemeinschaftsleben in einer Familie. Wie viel halten Sie denn davon, dass die Erziehungsberechtigten einfach sich auch proaktiv mit den Inhalten beschäftigen, die die Kinder und die jungen Erwachsenen da überhaupt im Handy konsumieren? Jeder dieser jungen Erwachsenen folgt irgendjemandem, der kocht.
[00:12:56] Wie viele Erziehungsberechtigte erleben Sie, die dann abends mit den Kindern diese Rezepte auch in der Küche wirklich realisieren? Ja, das ist das ganz große Thema, weil da haben wir einerseits einen Generationsgap letztlich, weil sozusagen die Digital Immigrants, den Digital Natives dann beistehen sollen. Da kommt so eine Rollenumkehr ganz oft, die dann nicht funktionieren. Auf der anderen Seite ist das so etwas Wichtiges. Also ich bringe mal so dieses illustre Beispiel, im brasilianischen Regenwald gibt es sehr viele psychoaktive Substanzen,
[00:13:26] die auch konsumiert werden. Dort passiert es aber kaum, dass jemand psychotisch wird oder psychische Erkrankungen bekommt. Warum? Dort gibt es einen Schamanen, der den Rauschzustand begleitet. Der Schamane oder Dorfältester oder Gelehrter, egal wie man das sagen möchte dazu, der sorgt dafür, dass Begleitung im Rauschzustand da ist, dass Kontrolle da ist, wie viel wird denn da eingenommen und dass das im Jahresrhythmus auch zu den Festen nur konsumiert wird.
[00:13:54] Das ist also eingebettet sozusagen in gesellschaftliche Feiern und Riten. Und daher passiert da ganz, ganz wenig. Und das, was uns in der westlichen Kultur fehlt, ist genau dieser Schamane und dieser Schamanen letztlich auch fürs Handy. Und das braucht es aber. Das heißt, ich muss mich auch auskennen. Und ein ganz plakatives Beispiel ist, wenn mein Kind von der Schule nach Hause kommt und ich frage, wie war es in der Schule, kriege ich meistens als Elternteil die Antwort, eh gut, heißt so viel wie lass mich in Ruhe oder schlecht, heißt auch so viel wie lass mich in Ruhe. Das heißt, ich kriege kaum Informationen.
[00:14:24] Wenn ich aber ganz differenziert frage, du hast ja heute ein Referat gehabt mit der Freundin, da war doch das Thema so und so, wie hat denn die Lehrerin darauf reagiert, dann fangen die Kinder an zu reden und ich bekomme ganz viel an Informationen. Das heißt, ich muss informiert sein. Und genau das Gleiche gilt für soziale Medien, für Computerspiele und so weiter. Ich muss hier auch mich ein bisschen damit beschäftigen, ob es mich interessiert oder nicht. Ich erzähle ja immer von meinen Enkelkindern. Ich glaube, sie haben mich das schon erzählen gehört,
[00:14:54] die auch gern am Handy sind. Aber wenn ich denen eine Partie UNO vorschläge, dann gewinnt immer UNO. Auch das ist so etwas, was wir, glaube ich, lernen können. Die Eltern sollen sich nicht aufs Handy ausreden, ganz platt gesagt, dass sie eh nicht mehr ans Kind herankommen, sondern proaktiver suchen, welche UNO-Momente können sie mit den Kindern gestalten. Stichwort Wohlfühlklavier. Genau. Also das, was mir auch so wichtig ist, wir dürfen ja nicht dort aufhören und sagen, wir regulieren jetzt den Handykonsum oder wir verbieten ihn, im schlimmsten Fall, sondern wir müssen ja die Attraktivität
[00:15:22] und die Herrlichkeit der analogen Welt darlegen und darstellen. Und ich merke das teilweise schon bei jungen Patienten, die ganz schwer letztlich in diese Internet-Online-Handy-Sucht hineingekippt sind, wenn die Digitalisierung schon vorher stattgefunden hat, bevor die Kompetenz der sozialen Interaktion schon in der Realität gelernt worden ist, das heißt, digital vor Realität stattgefunden hat, dann merken wir schon, da fehlt ihnen, den Betroffenen,
[00:15:51] dann der Bezug zur Natur, der Bezug zur Realität und sie tun sich unheimlich schwer. Wir verwenden ja in der Therapie ganz oft eben auch die Natur als heilsame Kraft. Das heißt, wir machen Wahrnehmungsübungen beispielsweise, wenn wir durch den Wald gehen, um sich spüren zu lernen und dann letztlich auch innerlich die Gefühle wieder an Zugang dazu zu finden. Und solche Konzepte funktionieren nicht mehr, wenn ich aufwachse in einer rein digitalen Welt, wenn mir da in der analogen Welt nichts angeboten wird, als Betroffener,
[00:16:22] dann funktioniert das einfach nicht. Und das lässt mich schon oft sehr stark nachdenken und innehalten und sagen, das kann so nicht sein. Wir müssen dafür sorgen, dass zuerst das Analoge kommt, dass echte Begegnungen zwischen dir und mir stattfinden mit all den Reizen, Mimik, nonverbale Kommunikation, haptische Berührungen. Und wenn das etwas ist, was geübt und gelernt und trainiert ist, das muss man ja auch trainieren, dann kann Add-on schon auch einmal ein exzessiver Konsum
[00:16:51] in der digitalen Welt stattfinden. Das wird dann aber nicht schädlich sein, das wird keine negativen Auswirkungen haben. Heute bei 365, der Experte für Sucht- und Abhängigkeitsfragen, Oliver Scheibenbogen. Jetzt habt ihr diese analoge Welt hergestellt, gerade an einem Ort, der für viele junge Erwachsene auch ein Ort der Angst ist, die Schule. Denken Sie, dass genau diese Form des Miteinander, zum Beispiel durch so ein Handy-Experiment, aus der Schule einen Ort der Begegnung macht,
[00:17:20] einen Ort, der eben die Menschenbildung begleitet und nicht nur den Wissenstransfer? Also, wir kommen ins Erleben und Spüren. Und man weiß ja, dass man, wenn man etwas spürt, sich die Dinge viel, viel mehr merkt, wenn man sie wirklich erlebt, als wenn es nur reines Fach- oder Faktenwissen ist. Und das, was wir schon festgestellt haben, ist, im Leid des Handyverzichts ist es so, dass ich das Gefühl gehabt habe, die Schüler rücken mehr zusammen. Da ist es oft darum gegangen, ja, wie geht es denn dir heute damit?
[00:17:50] Wo hast denn du Schwierigkeiten? Hast du auch Entzugserscheinungen? Und auf einmal spürt man so ein Miteinander, diese Psychodynamik da in der Peergroup, das positiv zu nutzen, das hat mich total fasziniert und begeistert, weil das hätte ich mir vorher, habe ich gar nicht so am Radar gehabt, in Wirklichkeit. Man kennt das ja im negativen Sinn, also wenn in der Schule irgendwo Drogen angeboten wären, dann hat das auch von der Psychodynamik oft so, na da probier mal, sei kein Hasenfuß, hast du das schon probiert, du bist der Coole, weil du hast das schon probiert. Das heißt, von der Dynamik her eher in Richtung Konsum- und Problemverhalten
[00:18:20] oft einfach in der Gruppe passiert, vom Peerpressure her. Und jetzt haben wir genau den umgekehrten Effekt genutzt, sagen, na wie geht es denn dir ohne Handy? Und dann war es oft so, dass diejenigen, die zum Beispiel jetzt innerhalb dieser drei Wochen es nicht geschafft haben, total aufs Handy zu verzichten oder wieder einen Rückfall hatten, dann waren das auf einmal diejenigen, die fast ein bisschen außerhalb der Gruppe gestanden sind und die Lehrer mussten dann versuchen, die auch wieder ein Stückchen mit hineinzuholen. Das heißt, es hat sich eigentlich der Spieß fast umgedreht. Das ist eigentlich wie in der Suizidprävention,
[00:18:49] der Papageno-Effekt im Gegensatz zum Werthe-Effekt. Genau. Es gibt beide Phänomene, aber wenn ich von der Überwindung von Krisen berichte und wenn ich vor allem auch sage, dass jeder Mensch, der gegangen ist, vermisst wird, dass ich also nie alleine bin, nie in dieser suizidalen Verengung, dann hat die Kommunikation über Themen der psychischen Gesundheit präventive Wirkung. Genau, genau, genau. Und das ist genau das, was wir jetzt auch gespürt haben oder was wir erfahren durften durch das Handy-Experiment. Und ich bin schon gespannt dann auf die Antworten im qualitativen Teil,
[00:19:18] wo dann ganz viel auch berichtet wird. Das führt mich ja auch zu Ihrer Studie. Die wird ja unheimlich. Das wird ja so toll, dass ihr da 70.000 junge Erwachsene und deren Umfeld mit untersuchen könnt. Wie organisieren Sie überhaupt diese Fülle an Daten? Naja, man muss halt in die digitale Welt abtauchen. Das geht nur über Computer, das geht nur über digitale Fragebögen, die vorgegeben werden. Und das, was halt eben da ist, sind die Lehrer, die da ganz intensiv und die haben wirklich viel gearbeitet, weil ich weiß, wie psychodynamisch intensiv
[00:19:47] das werden kann. Ich habe es auch von vielen Lehrern gehört, dass mehr oder weniger in den drei Wochen in dem Fach halt, das unterrichtet wird, dann kaum Unterricht möglich ist, weil es eben um Stützen, um Auffangen, um Reflektieren geht bei dem Thema. Und da ist ganz viel investiert worden, auch teilweise in der Freizeit der Lehrer. Und das ist halt einfach eine riesen Forschungscommunity. Das ganze Land ist da mit dabei. Und eure Studie, beschäftigt sich die dann auch mit so Detailfragen wie dem Umgang mit FOMO,
[00:20:16] wenn ich jetzt drei Wochen, also Fear of Missing Out, nicht dabei war? Also wir haben definitiv jetzt keinen Fear of Missing Out Fragebogen mit dabei, aber was wir uns diesmal anschauen, das wird insofern ganz spannend, weil das was Neues ist, ist wir werden uns mit dem Thema Einsamkeit beschäftigen, ein bisschen auch versuchen zu klären, diese Henne-Ei-Problematik, was war vorher da, die Einsamkeit und dann der intensive Smartphone-Konsum oder führt der intensive Smartphone-Konsum in die Einsamkeit? Dann haben wir
[00:20:46] das erste Mal jetzt mit dabei sozusagen ein bisschen eine Abstufung, nämlich diejenigen, die nur eine Stunde am Tag am Handy verbringen und diese Zeitfresser total ausschalten, aber trotzdem irgendwie WhatsApp und so weiter verwenden können, weil da ist nämlich die Hypothese ja dahinter, wir Menschen sind eigentlich so, wir tun es ja mit ganz oder gar nicht viel leichter, als mit ein bisschen geht's und ich muss es selbst kontrollieren, das fordert uns innerpsychisch einfach massiv und da wollen wir uns anschauen, wie schaut es aus mit den Abbruchquoten
[00:21:15] in der einen Gruppe versus der anderen Gruppe, wo waren die Schwierigkeiten dabei und was wir noch mit dabei haben, weil mir das auch so vom sozialen Gesellschaftlichen so ein wichtiger Faktor ist, es hat jetzt einige Klassen gegeben, wo nur zwei Schüler oder drei mitgemacht haben und es hat Klassen gegeben, wo die gesamte Klasse mitgemacht hat und auch das können wir dann differenzieren und können uns anschauen, trägt sozusagen die Klassengemeinschaft dieses Vorhaben auf das Handy zu verzichten, ist das ein wirklich bedeutender Faktor,
[00:21:45] der da dahinter steht und sind die Einzelkämpfer da so oft diejenigen, die es dann vielleicht doch nicht ganz so geschafft haben oder es ist vielleicht der umgekehrte Effekt, wo der einen den anderen in der Klasse ansteckt, was die Rückfälligkeit betrifft, also all diese Fragen können wir in Zukunft beantworten. Denken Sie, dass man auch 70.000 Erwachsene finden kann, die drei Wochen so einen smarten Handy-Konsum versuchen auf die Beine zu bringen? Ich bin ganz stolz auf die Jugendlichen, die haben ordentlich was vorgelegt und vielleicht ist das sozusagen auch der Appell an die Erwachsenen und da würde ich es ja so machen, ich würde das gerne in Unternehmen machen,
[00:22:15] weil dort kann ich auch diese Gruppendynamik nutzen, die positive, wenn in einer Abteilung mehrere Mitarbeiter da mitmachen, sagen, na, wie geht es denn dir heute ohne Handy und das vielleicht wirklich nur auf ein Diensthandy in der Kommunikation reduzieren, vielleicht eher nur auf Telefonate reduzieren, dass man dann vielleicht auch anfängt, eben seine Mails jetzt nicht wieder alle nur am Handy ständig zu checken, sondern sich bewusst dann an den Computer setzt, weil das ist schon so der Teil, wir haben durch diese ganze Technik ungeheure Möglichkeiten,
[00:22:45] wir können immer und überall arbeiten, haben immer und überall Zugriff und ich habe so das Gefühl, früher hat man immer so gesagt, alles Mögliche möglich machen, das ist irgendwie so die Erfolgsformel und ich habe so das Gefühl, jetzt sind die Möglichkeiten so massiv, dass uns das einfach als Menschen überfordert. Wir haben gar nicht mehr so die Möglichkeit dann zu entscheiden, was gilt denn wir heraus, was ist das Relevante und deswegen braucht es da auch aus meiner Sicht Regeln und wenn ich vielleicht ein Beispiel kurz bringen darf, Computer in Firmen, aber auch in Schulen und so weiter
[00:23:14] werden immer ausgeliefert, dass ein Pop-up-Fenster aufgeht, wenn ein neues Mail kommt in Outlook beispielsweise. Das heißt, der Computer bestimmt, wann ich reagiere drauf, das heißt, der Computer bestimmt mich und in Wirklichkeit müssen wir aber dorthin zu sagen, nein, ich bestimme, sage ich okay, bei meinem Ex-Chef, dem Professor Musolek war, das habe ich gewusst, in der Früh checkt er seine Mails und um 14 Uhr checkt er seine Mails, also ich muss kurz nachher schauen,
[00:23:44] ob es was Neues gibt, aber dann habe ich genau gewusst, zu welcher Zeit und dann bestimme ich, wann ich mein Mailprogramm aufmache, wann ich nachsehe und lasse mich nicht dauernd unterbrechen. Wir leben in dieser Unterbrechungsgesellschaft, wo wir nicht mehr tief hineinkippen können in Themen, wo wir Dinge nicht mehr reflektieren, elaborieren in einer Tiefe, die wir eigentlich bräuchten und wir müssen wieder zu mehr Selbstkontrolle, auch was diese ganzen Reize betrifft. 365 über Medien reden.
[00:24:13] Auf vsom.tv oder auf allen gängigen Podcast-Plattformen finden sich sämtliche Gespräche aus dieser Reihe. Vielleicht interessieren Sie auch andere Gespräche aus der Welt der Sucht und Abhängigkeit. Beispielsweise das Gespräch 745 mit Michael Musolek oder das Gespräch 953 mit Fabian Scheck, dem Theater des Handy-Experiments oder das Gespräch 907 mit Christina Ditscher.
[00:24:42] Bei den jungen Erwachsenen scheinen ja die Zahlen der Nutzungsdauer am Handy eine Trendwende zu versprechen. Und diese Trendwende haben wir beispielsweise bei der Mental Health Days von 31 Minuten täglich weniger Handykonsum vom Jahr 24 aufs Jahr 25. Das ist schon gewaltig. Können Sie das bestätigen, auch von Ihren Wahrnehmungen? Also ich merke hier wirklich einen Paradigmenwechsel, der gerade bei dieser Generation Z-Alpha und so dort beginnt. Es ist ihnen zu viel. Ich merke es,
[00:25:11] wenn ich auch in Schulen beispielsweise Vorträge halte oder in Diskussionsrunden bin mit Jugendlichen, dass die dann oft sagen, bitte helft uns, damit umzugehen. Das heißt, die wenden sich tatsächlich mittlerweile an uns und das tut jemand nur, wenn er wirklich schon einen gewissen Leidensdruck hat und auch eine gewisse Ohnmacht selbst gefühlt hat. Sonst wäre das wahrscheinlich nicht der Fall. Das heißt, da passiert tatsächlich etwas. Wir wissen jetzt noch nicht so ganz genau, ob es ein bisschen ein Shift ist in Richtung KI-Kommunikation.
[00:25:40] Das ist so die nächste große Verführungswelle, die da auf uns zukommt. Ich merke es auch in der Therapie teilweise schon. Aber ich glaube, dass all das, was wir hier als Gesellschaft in diesen Diskursen rund um Digitalisierung und Social Media immer wieder einbringen, dass das mittlerweile Wirkung zeigt, dass wirklich wir von diesem, es ist völlig ungefährlich und wir sind so in einer Goldgräberstimmung und erobern uns das Internet und alle Applikationen und das Handy, dass wir mittlerweile davon abrücken hin zu einem,
[00:26:09] wir gehen differenzierter und reflektierter damit um. Und so, bis vor 15 Jahren war das so wie die Madame Curie, die dann irgendwie die Röntgenstrahlen gefunden hat und sich ständig selber durchleuchtet hat und bis man dann draufgekommen ist, naja, das ist vielleicht für den Organismus nicht ganz so günstig, da entsteht dann durch die Strahlung auch karzinogene Entwicklungen. Wir sind jetzt mittlerweile, glaube ich, in diesem Bewusstsein, das schadet uns auch und wir gehen differenzierter um damit. Und an den Suchtexperten, sehen Sie eine Chance,
[00:26:38] dass wir beim Umgang mit Internet und Handy zu einem gesellschaftlichen Miteinander finden, das sich eher formuliert wie eine Straßenverkehrsordnung oder müssen wir es weiterhin so behandeln wie den Alkohol oder Nikotin? Also, ich sage immer, es braucht immer beides. Es braucht Verhaltens- und Verhältnisprävention. Verhältnisprävention bedeutet, wir brauchen ein bisschen ein Regulativ, weil hinter diesem Regulativ stecken Leitstrukturen, da stecken Normen, die dann irgendwann
[00:27:08] implizit werden, das heißt, aus mir selbst heraus dann auch formuliert werden und gestaltet werden und wir brauchen aber auch mehr Kompetenz in dem Bereich. Und Kompetenz heißt nicht nur, dass man versteht, wie die Dinge funktionieren, sondern dass man sie erlebt und spürbar macht und deswegen finde ich das Handy-Experiment auch so toll, weil es geht ja nicht in dem Handy-Experiment ja nicht darum, dass man sagt, man verzichtet total auf das Handy, sondern es geht darum, einmal erlebbar und spürbar zu machen, was macht denn das mit mir?
[00:27:37] Und so Erlebnisse wie, ich kümmere mich mehr um meine Geschwister beispielsweise oder um Freunde, ich habe Erlebnisse in der Natur, also im ersten Handy-Experiment, da haben dann die Schüler auch berichtet, irgendwie am Nachhauseweg, ich habe gar nicht gewusst, dass die Vögel so schön zwitschern, ich habe das nie gehört, weil ich habe immer die Kopfhörer aufgehabt oder ein Mädchen war ganz traurig, als irgendwie draufgekommen ist, dass sie schon ein, zwei Jahre versäumt hat, mit dem Bruder etwas zu machen und darüber sehr traurig geworden ist. Aber genau solche Erlebnisse braucht es,
[00:28:06] um zu merken, hoppala, das sind Zeitfresser, das nimmt mir sehr viel weg, ich muss in der Dosis zurück, ich muss lernen, Selbstkontrolle zu bekommen und Selbstkontrolle ist ja etwas, was ein unheimlich psychodynamisch komplexer Vorgang ist. Ich muss einerseits einmal wahrnehmen, wenn ich nicht achtsam wahrnehme, wie viel ich tue, dann kann ich auch keine Kontrolle darüber bekommen, das heißt, die Wahrnehmung ist da immer der erste Teil. Dann das Zweite ist, ich muss für mich etwas wollen. Das heißt,
[00:28:36] ich muss gut zu mir selbst sein, ich muss mir sozusagen auch selber ein guter Freund sein, sonst wird es nicht funktionieren und dann brauche ich noch die Kompetenz dazu, das heißt, das Fachwissen, wie kann ich mich steuern und wie kann ich mich regeln. Und das ist schon eine riesen Herausforderung und das muss man üben, das muss man trainieren und das gehört für mich in den Digitalunterricht dazu, das gehört in den Ethikunterricht dazu und das ist ein Teil letztlich einer Persönlichkeitsbildung und letztlich das Schulsystem ist ja auch Persönlichkeitsbildung. Eine letzte Frage,
[00:29:05] die daran anschließt, was Sie gerade beschrieben haben. Entstanden ist ja das Handyprojekt im Biologieunterricht beim Fabian Scheck in Gensendorf im Gymnasium und er wollte über Abhängigkeiten und Entzugsphänomene, wenn man nach was süchtig ist, die Kinder mitfüllen lassen, wie sich das so darstellt. Denken Sie, dass wir durch diese wichtigen und auch so öffentlich geführten Diskussionen über Abhängigkeiten rund ums Handy nun auch zu unserer größten Problematik in Österreich,
[00:29:33] dem Umgang mit Alkohol, eine andere Haltung entwickeln könnten? Ja, unbedingt. Weil sozusagen die Suchtdynamik ist ja sehr ähnlich bei allen Suchtformen. Man kann sich das wie einen Schirm vorstellen, diese Dynamik und dann ist es ja oft auch so die Gelegenheit, manchmal der Zufall, manchmal das Angebot, ob der eine jetzt eher internet-händysüchtig wird, ob der andere alkoholsüchtig wird, Nikotin abhängig wird oder gar Drogen abhängig wird. Also das ist oft dann
[00:30:03] eine Mischung so vieler Faktoren, aber von der Dynamik her ist es oft sehr, sehr ähnlich. Also man geht davon aus, dass ungefähr zwei Drittel der Dynamik fast ident ist, egal welche Suchterkrankungen es ist. Und wir merken das ja auch, weil es kommt ja dann oft in der Therapie auch, wenn wir nicht aufpassen zur Suchtverlagerung oder Suchtverschiebungen. Jemand, der vorher alkoholabhängig war, wird danach zum Beispiel medikamentenabhängig oder dann auch internetabhängig oder glücksspielabhängig und so weiter. Und deswegen muss man den Kern letztlich
[00:30:32] der Problematik behandeln. Das heißt, das darf keine oberflächliche Behandlung sein, sondern wir müssen da wirklich tief einsteigen und schauen, was steckt denn da dahinter, welche auslösenden Faktoren, welche aufrechterhaltenden Faktoren gibt es und welche sonstigen psychischen Belastungen stecken denn da dahinter. Und das muss man als Kern angehen. Dann hat die ganze Suchtbehandlung sehr große Chancen noch guten Erfolg. Oliver Scheinbogen, ein Postskriptum, das wir uns in den letzten Jahren angewöhnt haben, hier immer wieder zu fragen, was wäre Ihre Thematik,
[00:31:02] wonach wir uns als Gesellschaft in den nächsten Monaten und Jahren fragen sollten? Und zwar nicht, wo Sie schon eine Antwort haben, nicht, wo Sie schon wissen, was Sie sich wünschen, also eine verpackte Forderung, sondern ein Thema, das offen ist, wo Sie auch noch nicht wissen, wo es hingeht und wir uns trotzdem diese Fragen stellen sollten. Haben Sie da was für uns? Also das, was mich sehr beschäftigt, ist dieses Menschsein und Mensch bleiben im Angesicht letztlich der künstlichen Intelligenz.
[00:31:33] Was heißt es? Auch in Richtung Demokratie, Demokratiegefährdung auf der einen Seite. Wir erleben ja zunehmend eher so autokratische Verhaltensweisen letztlich in der Politik auch. Und mir ist das so wichtig, das ist ja wie ein Pendel oft und das schwingt dann wieder zurück gesellschaftlich und mir ist wichtig, die Frage ein Stückchen zu beantworten, wie können wir denn dafür sorgen, dass das Menschsein und das Menschliche wieder mehr an Bedeutung bekommt,
[00:32:03] dass dieses demokratische Auseinandersetzen, miteinander in den Diskurs gehen, Meinungen des anderen zulassen, auch wenn sie nicht meiner Meinung entsprechen. Und dieses tiefe Begegnen und miteinander austauschen, wie können wir das forcieren? und da gibt es natürlich keine einfache Antwort drauf und ich habe auch keine. Vielen Dank für die Zeit, vielen Dank für die Expertise und wir sind sehr gespannt auf eure Studienergebnisse des Handy-Experiments. Herzlichen Dank auch für die Einladung.
[00:32:31] 365, ein Angebot von VSOM, dem Verein zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien, hergestellt von Inspiris Medienproduktion. Falls Sie die Arbeit von VSOM und diesen Podcast unterstützen möchten, dann abonnieren Sie 365 auf allen Podcast-Plattformen wie Spotify, Castbox, iTunes oder Soundcloud und überall, wo es Podcasts sonst gibt. Der Verein zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien finanziert seine Aktivitäten
[00:33:01] durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Falls Ihnen Medienbildung und Demokratie auch ein Anliegen sind, dann freuen wir uns, wenn Sie uns mit einer Spende unterstützen möchten. Dazu finden Sie Informationen auf der Webseite www.vsum.tv In diesem Sinne, bis morgen. pH�데 배est golf ces hairy
